„Ich sehe Sie bei Tische, bis zum Diner sind Sie frei, liebe Gussitsch!“ sprach die Fürstin und schritt, von Norbert gefolgt, ins Haus. Nun doch fast zappelig, nervös, aufgeregt. Zwei Stunden hatte Martina Zeit, um sich Gedanken zu machen und Fragen zu stellen, was denn eigentlich dieser Sorgen bereite und weshalb die Fürstin einsam in dieser Weltabgeschiedenheit weile, der Sohn aber auf Reisen sei. Warum die Trennung?
Aus dem Verhalten der Fürstin bei Tische konnte Martina nicht klug werden. Sie war einsilbig, wachsbleich, gedrückt. Manchmal öffnete sie die Lippen, als wollte sie sprechen, sich durch eine Mitteilung von seelischem Druck befreien. Aber es kam kein Wort. Ein Ringen nach einem Entschlusse. Beängstigende Stille. Dann ein Wink; Norbert verschwand aus dem Speisezimmer.
Und nun richtete Fürstin Sophie an Fräulein von Gussitsch die Bitte, dem Baron Wolffsegg, dem Begleiter des Prinzen Emil, zu schreiben, es möge der Adjutant sorgsamst kontrollieren, mit wem der Prinz verkehre...
Martina traute ihren Ohren nicht und wagte es auch nicht, einen forschenden Blick auf die Gebieterin zu richten.
Leise sprach die Fürstin im Tone der besorgten Mutter: „Es ist mein Wunsch, daß Wolffsegg Leute fernhalte, die meinen Sohn übel beeinflussen könnten!“
„Zu Befehl, Durchlaucht!“
„Verstehen Sie mich, bitte, recht! Schonend schreiben! Es soll dem Baron kein Vorwurf gemacht werden, um Himmels willen nicht! Wolffsegg ist ja ein tadelloser Kavalier, eine treue Seele, seit Jahren bewährt! Also nicht die Spur einer Rüge! Höchste Vorsicht, die ja auch wegen der Eigenart meines Sohnes geübt werden muß!“
Martina richtete nun einen verschüchterten Blick auf die bleich gewordene Fürstin. Und bebenden Tones sprach die ängstlich und unsicher gewordene Hofdame davon, daß sie den Brief mit denkbar größter Vorsicht entwerfen, das Konzept zur höchsten Genehmigung unterbreiten werde.
„Die Unterbreitung ist nicht nötig! Sie besitzen ja Taktgefühl, liebe Martina! Ich bin überzeugt, daß Sie den Brief ganz nach Wunsch konzipieren werden. Leicht wird es freilich nicht sein! Größte Vorsicht, denn es besteht die Gefahr, daß Wolffsegg die Bitte verübelt, in mißverständlicher Auffassung mit dem Prinzen darüber spricht und daß dadurch mein Sohn sich verletzt fühlt!“ Ein tiefer Seufzer der Sorge folgte diesen Worten.
Wieder trat eine Pause ein. Die Fürstin schien zu überlegen oder sich in wehmütige Erinnerungen zu vertiefen.