Angesichts dieser Situation wünschte Martina sich auf eine einsame Insel im Indischen Ozean, möglichst weit weg von dem fürstlichen Jagdschlößl...
Sophie richtete sich etwas auf und sprach leise, unsicheren Tones: „Sie kennen meinen Sohn noch nicht! Sie sind ja erst nach seiner Abreise in meine Dienste getreten! Ich muß Sie deshalb einigermaßen informieren, daß mein Sohn – leider Gottes – apathischer Natur ist! Blasiertheit kann man seinen Seelenzustand nicht nennen, vielleicht liegt ein ungewöhnlicher Mangel an jeglichem Lebensinteresse vor! Zum Zwecke einer sozusagen geistigen Aufrüttelung ist die Reise zunächst nach Dresden angetreten worden! Mein armer Sohn sollte aus dem Bereich der Wiener Luft gebracht werden...! Neue Menschen und vielleicht auch – Frauen soll er kennenlernen! – Können Sie die Sorgen einer angsterfüllten Mutter verstehen, liebe Martina? Sie sind allerdings noch sehr jung, immerhin ein weibliches Wesen! Frauen können sich verstehen oder doch in derlei Situationen hineindenken!“
„Zu dienen, Durchlaucht!“ Mehr konnte Martina beim besten Willen nicht sagen. Und unmöglich fragen, welche Bewandtnis es mit dem Dresdner Briefe habe, der anscheinend so große Sorgen wachrief.
Sophie strich sich mit der schmalen Rechten über die Stirne. „Wenn ich vorhin davon sprach, daß wir ein geistiges Erwachen erstreben, so muß diese vertrauliche Bemerkung ergänzt werden, und zwar dahin, daß mein Sohn in Dresden etwas aufgewacht ist! Mehr als mir lieb ist, zu meinem Schrecken! Was Emils Brief an mich beweist! An sich ist dieses Aufwachen gewiß erfreulich als Zeichen dafür, daß Emil sich für Menschen zu interessieren beginnt, die Apathie abgestreift hat!“
Wieder trat eine Pause ein. Sophie sann und überlegte.
Im Speisezimmer war es dunkel geworden. Den Wald umwoben die Schatten der aufziehenden Sommernacht.
Nach einer Weile zog die Fürstin den ihr so kostbaren Brief aus der Tasche und sprach: „Für eine Nacht werde ich mich von diesem Dokument doch trennen müssen, denn es erscheint mir zwingend nötig, daß Sie, liebe Martina, den Brief lesen, sich ein eigenes Urteil bilden! Genau informiert und orientiert, werden Sie dann auch imstande sein, den Brief an Baron Wolffsegg meinen Intentionen entsprechend zu verfassen! Ein Beweis besonderen Vertrauens, hören Sie, Martina, ganz besondere Vertrauenssache! Lesen Sie in heutiger Nacht Emils Brief, bilden Sie sich ein objektives Urteil! Morgen früh zehn Uhr bringen Sie mir den Brief unauffällig und unsichtbar! Hildegard wird verständigt sein und Sie, nur Sie, vorlassen! Hier, liebe Martina! Sie bürgen mir für die prompte Rückgabe des Dokumentes, ja?“
„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Martina nahm die Oktavbogen entgegen und versenkte das knisternde Papier in ihre Tasche.
„So, nun gute Nacht, liebe Gussitsch! Strengste Diskretion! Gute Nacht!“