„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“ Martina waltete ihres Amtes und klingelte.

Hildegard erschien mit Licht und begleitete die Gebieterin in ihre Zimmer.

Martina durfte allein ihr Kämmerlein aufsuchen.

Nie in ihrem jungen Leben hatte Fräulein von Gussitsch so flink Licht gemacht als jetzt, um schnell zur Lektüre des Briefes zu kommen.

Etwas enttäuscht, aber doch von dieser Lektüre belustigt, kicherte Martina. Unbegreiflich fand sie die Auffassung der Mutter über diesen Brief. Soviel wie gar keinen Anlaß zu Sorgen. Ungewöhnlich war allenfalls die Ausdrucksweise. Martina fand die Epistel weit mehr witzig, denn derb. Sicher ein vollgültiger Beweis dafür, daß das bisher apathische, blasierte Prinzlein in der Dresdener Luft wach geworden ist und recht gut zu beobachten versteht. Und eine gewisse Federgewandtheit ist ihm nicht abzusprechen. An sittengefährdenden Umgang mit bösen Menschen war gar nicht zu denken! Außerdem sollte er sich doch eine Frau suchen!

Der Auftrag, dem „Zwetschgenbaron“ Wolffsegg im Sinne der Fürstin zu schreiben, hatte nach der Lektüre des Emilschen Briefes viel von seinen Schrecken verloren. Martina erwog nur noch, ob es möglich sein werde, die Fürstin zu überreden, gar nicht schreiben zu lassen.

Vergnügt kichernd, begab sich das zierliche Hoffräulein zu Bett.

*

Es half am anderen Morgen alles nichts, Martina erhielt den Befehl, dem Baron Wolffsegg zu schreiben. Was alles die Fürstin noch beifügte, ließ Fräulein von Gussitsch erkennen, daß der Hofdame die Verantwortung aufgehalst werden sollte für den Fall, daß Wolffsegg die Warnungs- und Rügeepistel krumm nimmt. Martina soll das – Prügelmädchen sein in Ermangelung eines Prügelknaben.

Ein mehrstündiger Eiertanz mit der Feder, bis das Brieflein glatt und säuberlich geschrieben war. Höchst vorsichtig und fein, klug und gewandt; und mit einem salvierenden Hinweis auf – „höchsten“ Wunsch... Diesen Hinweis konnte sich die Hofdame leisten, da ja die Fürstin jegliche Kenntnisnahme des Konzeptes und Briefinhaltes abgelehnt hatte.