Also lief die Epistel nach Dresden...
Obwohl nicht befohlen, meldete sich gegen Mittag der Forstwartpatriarch zum Rapport und erbat Gehör bei der Gebieterin. Gnugesser wollte endgültigen Bescheid wegen des „Oval“hirsches haben.
Weder Norbert noch Hildegard, die Vertrauenspersonen, zeigten Lust, den Beamten anzumelden, obwohl der gutmütige Forstwart sehr nett und höflich um „Wohlwollen und Gnade“ bat und die Kammerfrau Hildegard Witwe Schoiswohl sogar mit „gnä Frau“ titulierte. Half alles nichts, denn Hildegard wollte die heute übelgelaunte Gebieterin durch Anmeldung des Forstbeamten nicht belästigen, sich keinem Verweise aussetzen.
Der Zufall war wohlwollender. Fürstin Sophie unternahm vor dem Lunch einen Spaziergang, sah am Hause den wartenden Beamten und fragte nach seinen Wünschen.
Gnugesser erklärte in aller pflichtschuldigen Ehrerbietung, doch mit Bestimmtheit: „Halten zu Gnaden, Duhrlauch, der Hirsch mit dem häßlichen Ovalgeweih muß weg, und zwar noch vor Brunftbeginn, auf daß eine Vererbung verhindert wird! Wenn gnädig Duhrlauch den Kerl nicht selber – wegputzen wollen, erlauben S’s vielleicht, daß ich ihn abschieße?!“
„Aber keine Idee! Ich finde diese Ovalform sehr interessant! Dieser Hirsch muß unbedingt erhalten bleiben!“
In Gnugessers Äugelein lag mehr als Staunen, völlige Verblüffung und Ratlosigkeit! Und nicht wenig Verdruß über die Weiberwirtschaft im Jagdbetriebe. Die Abschußverweigerung konnte Benjamin leicht verwinden; den Wald- und Jagdbeamten berührte es aber schmerzlich, daß auf ausdrücklichen Befehl ein Revierverschandler, ein die Geweihbildung verhunzender Hirsch gar geschont werden sollte.
Benis Mund weitete sich bis zu den beiden Ohrläppchen, als die Fürstin mitteilte, daß ein Admonter Theologe im Revier Gstattmaier-Hochalp und in der „Sauwiel“ pirschen und Gams in unbeschränkter Anzahl schießen dürfe. „Melden Sie das dem Oberförster! Adieu!“
Soviel das Bäuchlein es gestattete, verbeugte sich Gnugesser. Dann aber stülpte er mit einer besonderen Energie das zerzauste Hütel auf sein Haupt und trottete heim. Mit heiliger Entrüstung in der Weidmannsbrust, mit Zorn in der Kinderseele.
Knirschend stieß Beni hervor, – hübsch weit entfernt vom Jagdschlößl –: „Toll wird’s, ganz narrisch! Weiber im Revier, o Graus! Und jetzt gar auch – Theologen! Höher geht’s nimmer! Kutten und Gams! Mir gangst!“ Und der herzensgute, kindlichfromme Forstwart fluchte...