Fräulein von Gussitsch hatte sich diskret einige Schritte entfernt und hielt auf dem Sträßlein Ausguck nach dem Wagen.

Trocken und ernst wie immer gab Hartlieb die Auskunft: „Da für den Haller Besitz nur das Jagdinteresse ausschlaggebend war und ist, beträgt die Verzinsung nur zwei vom Hundert! Soll die Rente gehoben werden, so muß eine geregelte Forstnutzung eintreten; wir haben hiebreife Bestände, und für Nutzholz sind dieser Tage günstige Offerten von größeren Firmen eingelaufen! Ich wollte nur noch kurze Zeit warten, ob nicht noch einige Angebote erfolgen, und hatte vor, demnächst hierüber Vortrag zu erstatten und die Genehmigung zur Durchforstung und Schlägerung einzuholen!“

Das Antlitz der Fürstin bekam einen Zug von Geringschätzung, die Lippen umspielte ein ironisches Lächeln, etwas wie Hochmütigkeit, da Sophie sarkastisch sprach: „Holzhandel ist nicht mein Geschmack! Das Gut habe ich in ganz anderer Absicht gekauft; freilich steht dahin, ob sich diese Absicht verwirklichen läßt! Jedenfalls bleibt einzig und allein das Jagdinteresse ausschlaggebend, ich werde mich mit der kleinen Verzinsung begnügen! Also beachten Sie, lieber Hartlieb: nur das Jagdinteresse im Auge behalten!“

„Zu dienen, Durchlaucht! Eben das Jagdinteresse veranlaßt mich auf Grund eigener Wahrnehmungen in letzter Zeit und in Berücksichtigung der Jägerrapporte den Abschuß überzähliger Gelttiere, und zwar bald, noch vor Beginn der Hirschbrunft zu beantragen...“

„Aber warum denn?“

„Es hat sich das Geschlechtsmischungsverhältnis verschoben, wir haben zu viel Kahlwild, der Abschuß von Gelttieren ist nötig! Ich möchte bitten, daß das Personal, das ja sehr fachkundig ist, diesen Abschuß vornehmen darf, und zwar auf der Pirsch, weil dadurch die Revierbeunruhigung möglichst vermieden wird!“

Die Lippen hochziehend, meinte die Fürstin: „Ich weiß nicht! Der Abschuß will mir nicht gefallen, noch weniger das – Kanonieren durch das Personal! Und ganz und gar nicht will mir gefallen, daß just das weibliche Wild zum Opfer fallen soll! Das ist grausam! Nach Möglichkeit hegen, Herr Oberförster, hegen!“

„Im Jagdinteresse bin ich genötigt, dringendst den Abschuß der überzähligen Gelttiere zu verlangen!“ erwiderte Hartlieb höflichen, doch dienstlich festen Tones. Und ehrlich ernst blickte er der Gebieterin ins Auge.

„Ja doch! Sie als Fachmann müssen es ja besser wissen und verstehen, Sie sind ja auch verantwortlich! Aber Wünsche wird die Besitzerin, sozusagen der ‚Jagdherr‘, denn doch noch aussprechen dürfen! Machen Sie mal einen Überschlag, so eine Art Aufstellung, damit ich erfahre, wieviel weibliches Wild der Kugel verfallen soll! Eines steht fest: ich für meine Person werde mich an dem erzwungenen Abschuß nicht beteiligen! Und ohne Kontrolle darf auch das Personal nicht abschießen! – Der Wagen kommt! Wir fahren heim! Herr Oberförster, Sie können bis zum Forsthause mitfahren!“

Unterwegs litt Hartlieb alle Qualen der Unterordnung des eigenen Intellekts, des seelischen Kampfes in der Frage, ob der Fachmann sich ducken, dem Willen eines Laien, noch dazu dem einer Frau, sich unterwerfen oder auf die Dienstesstellung verzichten, sich um einen anderen Posten bewerben solle. Unmännlich und feig erschien ihm das Ducken, die Unterwerfung ein Verrat an den Idealen des grünen Berufes! Lieber aus diesem Dienst scheiden mit reiner, ehrlicher Weidmannsseele! Gehen, bevor der Waldmann – fliegt...