Und nun ließ sich die wieder zu Atem gekommene Fürstin gar in ein leutseliges Gespräch mit der Sennerin ein, fragte um nahezu alles im Alpbetriebe und im Leben einer „Alpenjungfrau“, und zeigte für die nichtigsten Dinge reges Interesse.
Wie von Eichkitz berechnet und befürchtet, kam es: plötzlich tauchte die hagere Gestalt Hartliebs am Rande des Almbodens auf. Und wie er sich der Plechauer Hütte näherte, in deren Schatten die Karawane lagerte, schleppte schier zerfließend der Forstwart Gnugesser sein Bäuchlein über den grünen Rasen. In Strähnen flatternd der fuchsige Patriarchenbart. Bergmännlein schwitzend, wie Neuschnee in der Julisonne... Das große rote Taschentuch konnte das viele „Schmelzwasser“, so von Stirne, Wangen und Nacken rieselte, nicht mehr aufsaugen.
Trotz alledem: pünktlich war Benjamin doch heroben!
Die Förster meldeten sich bei der Fürstin und wurden belobt, so herzlich belobt, daß der in der Nähe stehende Jäger Eichkitz Essig im Munde zu haben glaubte. Und dieser Essig verwandelte sich in bitterste Galle, als der Befehl erteilt wurde: Alles voraus zur Pyrgas-Hütte! Hartlieb sollte den Theologen an die Gams bringen! Fräulein von Gussitsch und Norbert haben zu bleiben als Schutz für die Gebieterin! „Ich werde erst in der Abendkühle hinaufkommen!“ sprach die Fürstin.
Wieder einmal anders disponiert! Aber schließlich begreiflich. In der Nachmittagssonne steil im Gewänd aufsteigen, ist nicht jedermanns Sache. Und Damen sind keine berggewohnten Jagdgehilfen...
Auf dem abendlichen Pirschgange hatte Oberförster Hartlieb an dem ihm anvertrauten Theologen nur zwei Ermahnungen gerichtet: Auf den Wind achten und nicht übereilt und nicht zu weit schießen.
Nonnosus, vom Jagdfieber erfaßt, hatte nur nicken können, das Sprechen war ihm unmöglich geworden; wie zugeschnürt war ihm der Hals.
Beim Betreten einer Mulde gab Hartlieb das Zeichen zur Wahrung größter Vorsicht, indem er den Zeigefinger auf den Mund legte.
An der Buchtung der von Latschen bestandenen und von Grasbändern durchzogenen Mulde, etwa drei Büchsenschuß entfernt, ästen am Fuße einer Felswand vier Gams ohne Kitze. Ein kapitaler Bock war darunter, ein „alter Herr“ vermutlich, mißtrauisch, denn oft warf er auf und sicherte.
Ein Näherkommen war unmöglich, die Entfernung für einen sicheren Schuß viel zu weit. Unmöglich auch eine Erörterung des Jagdplanes und der durch Sonne und Wind kompliziert gewordenen Situation. Hartlieb hatte nicht geglaubt, daß an der Buchtung um diese Stunde gute Gams stehen werden, die Böcke weiter oben vermutet. Noch beschien die Sonne einen Teil der Hänge, die obere Felsmauer stand hell im scheidenden Licht, demgemäß mußte mit Sicherheit angenommen werden, daß der Wind aufwärts streichen wird. Aber der Zeit nach müssen bald die Abendschatten zu ziehen beginnen, der Wind muß umschlagen und von oben wieder herabstreichen. In diesem sehr bald zu gewärtigenden Umschlag lag die Komplikation, das Übersteigen der Gams war sehr erschwert, zwecklos im Moment, da der Wind wechselt und von oben herabzieht, dem Wilde die Menschenwitterung zuträgt.