Einen Moment stand Hartlieb wie angemauert; plötzlich ließ er sich geräuschlos nieder. Und wie vom Blitz getroffen sank hinter ihm der Novize lautlos zu Boden. Nonnosus hatte den sichernden Bock rechtzeitig eräugt, die schwere Gefahr einer Vergrämung augenblicklich erfaßt.

Ein Überlegen nun ohne jedes Verständigungsmittel. Und zuwenig Deckung. Die Schußdistanz zu weit. Und die Zeit drängte, für ein Übersteigen des kleinen Rudels war es nun schon zu spät.

Langsam und lautlos schob Hartlieb sich über das Geröll etwas vorwärts. Nonnosus kroch vorsichtig nach, die scharfen Augen auf den mißtrauischen Bock gerichtet, der sich mählich beruhigte und wieder zu äsen begann.

Auf etliche Manneslängen konnten die beiden sich vorwärtsschieben, bis zu einem Latschenschopf, der die letzte kleine Deckung bot. Darüber hinaus war das Gelände völlig offen.

Hartlieb lag still wie ein Holzklotz. Unbeweglich auch Nonnosus, obwohl die spitzen Steine sich in die Hände und Knie bohrten. Doch in heißer Erwartung, in glühender Jagdleidenschaft achtete der Theologe dieses körperlichen Schmerzes nicht, fühlte ihn kaum. Viel wichtiger war die Abschätzung der Distanz, die Selbstbezwingung, das Niederkämpfen des lockenden Gedankens, auf so große Entfernung zu schießen. Eine Seelenmarter wurde es, der psychische Kampf viel schwerer denn die Entsagung des Klerikers auf die Freuden der Welt. Unmöglich ein Wink, ein Wort des Rates vom erfahrenen Jagdleiter, der wie tot am Boden lag.

Sachte begannen die Abendschatten ihr wundersames Spiel im leisen Ziehen. Das Schußlicht minderte sich.

Der Bock verließ das Rudel, zog weg, verschwand zuweilen zwischen Felsen und Latschen. Aber er kam immer wieder an den Standort, um den Schützen zu peinigen. Und mehrmals stellte der Bock sich wannenbreit, lockend zum Schusse.

Nonnosus war am Ende seiner Willenskraft. Mit äußerster Mühe unterdrückte er ein Stöhnen, das der Seelenkampf, die aufs höchste gesteigerte Leidenschaft und die nun drängende Schießwut dem Gemarterten erpressen wollten.

Der regungslos liegende Jagdleiter staunte in Gedanken über das korrekte Verhalten seines Begleiters, über die Seelenstärke, die den mehr als gewagten, unweidmännischen Schuß nicht zuließ. Manchmal, für Augenblicke, erwartete Hartlieb aber doch, daß es knapp hinter ihm krachen werde, denn Nonnosus war ja nicht Fachmann, nicht gewöhnt an solchen „Anblick“.

Noch ein Moment größter Spannung: Nonnosus nahm den Stutzen an den Kopf und versuchte zu zielen.