Hildegard verschwand.

Gierig begann Sophie die zweite Epistel des Sohnes, aufgegeben in Dessau, zu lesen. Mit Überfliegen der Schilderung, die Emil von der hübschen, prächtig entwickelten Muldestadt gab.

„Denk Dir nur, liebste Mama: der Herzog führt Allerhöchst persönlich in seinem Theater die Regie, er ist der erste und letzte auf den Theaterproben, kümmert sich um Kostüme, Szenerie, Dekorationen, macht Dienst als Beleuchtungskontrolleur, prüft die Leistungen des Orchesters und Kapellmeisters, kontrolliert die Tempi, kurz er leitet alles selbst. Glaube aber ja nicht, liebste Mama, daß der Herzog bei dieser verblüffenden Tätigkeit etwa ein G’schaftlhuber ist. Er ist Fachmann durch und durch, seit vielen Jahren. Übrigens weiß ja die heutzutage sich für Kunst interessierende Welt, daß dieser Sproß des Hauses Askanien ein genialer Regisseur für Richard Wagner und die musikdramatische Kunst ist, ein Bahnbrecher, der die Edeltraditionen eines gesunden Originalstiles der deutschen Bühne mit produktivem Geiste lebendig in seiner Person verkörpert! Alle Welt weiß das seit vielen Jahren, nur ich habe es nicht gewußt! Zu Dessau an der Mulde, wo die Leute halb sächsisch und halb berlinisch sprechen, habe ich erkannt, daß ich von Wagnerscher Musik und Kunst jetzt halb soviel verstehe wie der Leibjäger Seiner Hoheit. Nu nadierlich, es muß doch der dienende Mensch in allernächster Umgebung des hohen Fachmannes von Kunst mehr verstehen als unsereiner, der doch nur wegen des Balletts ins Theater zu gehen pflegt!

Von wo der Herzog den vielen Spiritus bezogen hat, weiß ich nun auch, nämlich von München, wo er fleißig mit Verstand und ohne Bier Kunstgeschichte studiert und dem dortigen Theater das Beste der Wagner-Inszenierungen abgeguckt hat. Muß der Mann gute und geschulte Augen haben! Und ein enormes Gedächtnis, das ihm ermöglichte, alles auf sein Dessauer Theater zu übertragen! Münchens Errungenschaften im verkleinerten Maße in Dessau! Und hier ein sehr dankbares, vom Herzog gut für Kunst erzogenes Publikum!“

Fürstin Sophie hielt in der Lektüre inne und stöhnte: „Gott! Was er für Nichtigkeiten schreibt!“

Dann las sie weiter: „Bevorzugt wird hier die Oper, das Schauspiel, gut gepflegt, läuft nebenher! Für modernes Liebesleben in neuen Stücken interessiert sich der Herzog anscheinend nicht, ick ooch nich! Wenn es wahr ist, was ich hier gehört habe, übertrumpft Dessau das Münchner Theater insofern, als es an der Mulde kein Defizit gibt! Mit so an vierhundert braunen Lappen subventioniert der Herzog seine Bühne und tut dabei noch Dienst als Oberregisseur und Hofkapellmeister! Allen Respekt! – In Gesprächen über Kunst habe ich mich aus triftigen Gründen auf das andächtige Zuhören beschränkt und vorsichtshalber keinen Ton von mir gegeben! Somit steht zu hoffen, daß der fürstliche Oberspiritual nicht gemerkt hat, was für ein – Flußpferd in puncto theatralische Kunst Prinz Emil von Schwarzenstein ist! Diese Ignoranz, auf deutsch: Dummheit, kann ich der lieben Mama schon eingestehen, weil Du meine Geistesbeschränktheit ja nicht auf den Stephansturm hängen wirst!“

Die Kammerfrau trat ein und meldete, daß der Wagen zur Kirchfahrt bereitstehe.

„Gleich, Hildegard! Nur noch fünf Minuten!“

Hastig las Fürstin Sophie den Bericht des Sohnes zu Ende: „Tags darauf fuhren wir, der Herzog und ich, in die Dessauer Gehege, begleitet vom Leibjäger, der nicht bloß Kammerdiener, sondern gelernter Jäger ist und die Pirschfahrt zu dirigieren hatte. Ein interessanter Mummelgreis als sachkundiger Jagdkutscher auf dem Bock neben dem Leibjäger. Um die Wahrheit zu sagen: die genaue Kenntnis der Fahrwege und ihrer Beschaffenheit, der Bodenverhältnisse (zuweilen sumpfig), der Standorte des Rot- und Damwildes, der Sauen, das fast wortlose Zusammenarbeiten des Leibjägers und des Jagdkutschers, das brillante Umfahren und Einkreisen des Wildes hat mir imponiert! Für Jagd und Wild habe ich bekanntlich und bis jetzt kein besonderes Interesse!“

Seufzend unterbrach die Fürstin für einen Moment die Lektüre. Um Emils Interesse für Jagd und Wild zu wecken, hat die Fürstin das Jagdgut Hall gekauft. Und nun bestätigt der Sohn schwarz auf weiß den Mangel an Jagdinteresse... Zwecklos ausgegeben das viele Geld! – Dann las die Fürstin den Schluß: „Was hat denn Dein neues Hoffräulein dem Wolffsegg im Höchsten Auftrage geschrieben? Wolffsegg macht einen Kopf wie ein Schaf beim Donnerwetter! Ist die neue Brettelhupferin wenigstens jung? Hübsch kann sie nicht sein, weil Hofdamen nie schön sind! Mir ist’s natürlich egal, ich frage nur, weil die Brettelhupferin ja doch Deine Hofdame, also ständig bei Dir ist! Für die allernächste Umgebung wählt man doch lieber nette, sozusagen patschierliche, wenn möglich jüngere Leute aus!