Kuß und Gruß der lieben Mama!

Ew. Durchlaucht ehrerbietigst
Emil von Schwarzenstein.

P.S. Auch hier sind die adeligen Töchter des Landes nicht nach meinem Geschmack.“

Sophie verschloß den Brief. Und fuhr mit Fräulein von Gussitsch zur Kirche im Dörflein Hall.

Unterwegs fragte die Fürstin: „Was haben Sie denn, liebe Martina, dem Baron Wolffsegg geschrieben? Mein Sohn meldet, daß Wolffsegg gekränkt sei!“

Die Hofdame versicherte, taktvoll und zart im Sinne der erteilten Weisung geschrieben zu haben. Anlaß zu einem Gekränktsein sei ganz gewiß nicht gegeben.

Die Fürstin schwieg und hing ihren Gedanken nach, die sich mit dem Sohne beschäftigten. Unverkennbar ein gewisses Aufwachen als wohltätige Folge dieser Reise.

Die Nebel wichen, die Sonne lachte. Köstlich war die Fahrt zur Kirche. In guter Stimmung kam Sophie in Hall an, ehrerbietig von den Männern, mit auffallender Wärme, fast mit Begeisterung von den Weibern begrüßt.

Pater Wilfrid hatte schon mit der Predigt begonnen, als die Fürstin mit dem Hoffräulein sich im kleinen Oratorium niederließ. Die Ankunft der Fürstin gewahrend, zauderte der Pfarrer einen Moment. Fatal war seine Lage, da er sich blitzschnell erinnerte, daß die Fürstin in der Haller „Frauenfrage“ auf Seite der Frau Forstwart Gnugesser stehe. Der Pfarrer aber soll und muß heute von der Kanzel aus den Kampf gegen die Weiberrevolution aufnehmen. Sein Thema kann er nicht fallen lassen, es ist unmöglich, auf die Fürstin Rücksicht zu nehmen. Das Interesse und Wohl der Pfarrgemeinde geht vor und steht höher. Entschlossen und mutig sprach Pater Wilfrid auf der kleinen Kanzel von der Einheit der Kirche und des Glaubens. „Christus wollte auch jene Gemeinschaft, welche die Wurzel des gesellschaftlichen Lebens bildet, die Ehe, auf den Boden der unzertrennlichen Einheit stellen. Und hier wollte er nicht nur eine äußere Einheit, er wollte die vollkommene Einheit der Familie, besonders der Ehegatten wiederherstellen. Diese von Christus gewollte Einheit verlangt aber die Gemeinsamkeit der beiderseitigen Interessen der Ehegatten. Nach der Lehre Christi soll der Mann das Haupt der Familie sein, die Frau aber soll in allen rechtlichen und billigen Dingen dem Manne untergeordnet bleiben, wie es die Kirche den Brautleuten ausdrücklich und entschieden an das Herz legt. Trennung und Spaltung der Interessen beider Eheleute kann darum unmöglich der Wille des göttlichen Stifters des Ehesakramentes sein.“

Pater Wilfrid hielt einen Moment inne, dann sprach er mit scharfer Betonung: „Wenn in der gegenwärtigen Zeit Strömungen kommen, die das Ideal der gottgewollten Einheit der Ehe zerstören wollen, so ist das nichts anderes als ein Angriff auf die Grundfesten der Ehe selbst! Es ist traurig und betrübend, daß in unsere Pfarrgemeinde solche Ideen durch Zeitungsnachrichten den Weg gefunden haben. Diese irrigen Nachrichten sind unverständigerweise mündlich weitergetragen worden von Personen, die keine Ahnung davon haben, daß durch derlei Ideen die Einheit der Ehe schwer geschädigt, erschüttert, ja vernichtet wird. Darum ist es notwendig, daß bei der menschlichen Schwäche beide Eheleute diesen Gedanken der von Christus grundgelegten und in seiner irdischen Familie vorbildlich durchgeführten Einheit der Ehe nie aus den Augen lassen und sich weder durch schriftliche, dem unchristlichen Weltsinne entsprungene Neuerungsideen, noch durch mündlich fortgepflanzte einseitige Interessenpropaganda in ihrer gegenseitigen heiligen Aufgabe irremachen lassen! Es ist notwendig, daß in erster Linie der Mann, der Ernährer und Brotverdiener, die Früchte seiner Arbeit zum Wohle seiner Familie verwendet und nicht in einseitigem Interesse nur für sein Wohlbehagen sorgt! Ihm muß als treue Lebensgefährtin die Frau zur Seite stehen, die Gattin, die nicht durch einen rein weltlichen Arbeitsvertrag, sondern durch ein Sakrament mit ihm verbunden ist.