Eine schwere Gefahr für den Familienfrieden und für die Erziehung der Kinder ist es, wenn Mann und Frau ihre eigenen Wege gehen wollen und sogar eine Trennung der zeitlichen Güter und irdischen Interessen vornehmen wollen. Wenn Ehegatten dem Zuge der Zeit folgen, der darauf hinausgeht, daß jeder nur sich selbst der Nächste sein soll und sich nur um sein eigenes Wohl zu kümmern habe, so zerreißen solche Ehegatten dadurch das Band des ehelichen Glückes, sie vernichten die göttliche Gnade im verantwortungsvollen Ehestande. Gütertrennung vernichtet das Ideal der Ehe, die innigste Verbindung von Mann und Weib. Die Ehe hat zum Grunde die Opferliebe; jeder Gatte muß für den Ehepartner Opfer bringen können, muß sie auch bringen im gemeinsamen Interesse. Ohne gegenseitiges Vertrauen gibt es keine Liebe.

In unserer Gemeinde streben einige Ehefrauen die Entlohnung ihrer Arbeit im Haushalte an. Diese Frauen sollen bedenken, daß das Eheweib, das für die Hausarbeit Bezahlung fordert, sich selbst erniedrigt! Ein solches Weib ist nicht mehr die dem Manne ebenbürtige Ehegattin, sondern eine Dienstmagd gegen Lohn!“

Wieder machte der Pfarrer eine kleine Pause. Und dabei gewahrte er, wie die Fürstin Sophie sich weit vorgebeugt hatte und den Prediger mißbilligend anblickte. Aber weder Zustimmung noch Tadel durfte ihn abhalten, seine Pflicht zu erfüllen. So sprach er scharf im Tone weiter: „Die Frauen, die in unserer Gemeinde den Frieden in den Familien stören, von den Ehemännern gleich gar ein Drittel des Jahresverdienstes als Arbeitsvergütung fordern, diese Frauen berufen sich auf ein neues Gesetz, das eine solche Bestimmung enthalte. Laßt euch, Ehemänner, nicht irremachen, nicht einschüchtern! Bei uns gibt es ein solches Gesetz nicht, weder ein altes noch ein neues! In der Schweiz ist geplant, eine ähnliche Bestimmung in den Entwurf zum neuen Zivilgesetzbuche aufzunehmen! Was die Schweizer tun, geht uns nichts an! Die Agitation der Frauen entbehrt also jeglicher Berechtigung! Und strafbar ist die Aufreizung! Wahret den Frieden im Hause! Amen!“

Bevor Pater Wilfrid die Kanzel verließ, warf er einen Blick auf die Menge der Andächtigen. Unverkennbar war die Überraschung der Frauen, ein gewisses Frohlocken in den Mienen der Männer, ein Aufatmen der drangsalierten, nun durch den Pfarrer befreiten Ehemänner.

Überrascht, unangenehm berührt schien auch Fürstin Sophie zu sein, die den Prediger starr vor Staunen angeguckt hatte und sich nun in das Dunkel des Oratoriums zurückzog. Und während des anschließenden Gottesdienstes beschäftigten sich die Gedanken der Frau mit der Frage, wie es die Gattin des Forstwarts wagen konnte, das Protektorat zu erbitten, wenn die ganze soziale Angelegenheit keine gesetzliche Basis hat. Eine Unverfrorenheit war es von der Forstwartsfrau, die Unterstützung zu erschleichen, die Fürstin in eine unberechtigte Agitation hineinzuzerren. Unschön und rücksichtslos fand es Sophie aber vom Pfarrer, daß er ihr nicht beizeiten die nötigen Informationen gegeben, einen Rückzug in aller Stille ermöglicht hatte. In dieser üblen Stimmung flüsterte die Fürstin dem Hoffräulein gegen Ende des Gottesdienstes die Bitte zu, dafür zu sorgen, daß der Wagen zur sofortigen Rückfahrt bereitgehalten werde. Gehorsam entfernte sich Martina aus dem Oratorium.

Im Pfarrhause hatte die Dienerin Witwe Erna alles schön für den zu erwartenden Besuch der Fürstin, für das Teefrühstück vorbereitet.

Als Pater Wilfrid hungrig von der Kirche kam und den festlich geschmückten Frühstückstisch sah, lobte er die Wirtschafterin, die darob zwar geschmeichelt lächelte, dennoch aber dem Pfarrer die Bemerkung nicht schenken konnte, daß der hochwürdige Herr sich mit der heutigen Predigt bei den Frauen eine böse Suppe eingebrockt habe.

„Ach was! Bringen Sie den Tee! Die Fürstin wird gleich kommen!“

Wagengerassel auf dem Sträßlein veranlaßte Erna zum Fenster zu springen. Und erregt rief sie: „Da haben S’ den Salat, Herr Pfarrer! Den Tee können S’ alleinig trinken, die Fürstin fahrt heim! Mit dem Besuch ist also nichts, und ich hab mich umensunst geplagt! Wahrscheinlich wird sich auch die Duhrlauch wegen der Predigt geärgert haben! Wie man sich nur eine solche Supp’n einbrocken kann...!“

„Bringen Sie mir das Frühstück! Auf Ihre Bemerkungen verzichte ich!“