Alsbald servierte Erna mit allen Anzeichen der Enttäuschung und Verdrossenheit.

Und Pater Wilfrid löffelte noch, als die Hausglocke Besuch anmeldete. Der übliche Sonntagsaudienzdienst für den vielgeplagten Pfarrer begann. Als erster Besucher kam der Forstwart Gnugesser mit seinem strahlendsten Lächeln höchster Befriedigung, beweglich und vergnügt, so daß das Bäuchlein hüpfte. Mit beiden Händen liebkoste der Forstwart den fuchsigen Patriarchenbart und zog die Schnauzerenden in die Länge, wodurch das Männlein ein geradezu kriegerisches Aussehen bekam. „Danken möcht ich, Herr Pfarrer, für die prachtvolle Predigt! Gut, sehr gut haben Sie den Weibern, die wo Geld möchten für die Arbeit im Haushalt, die Meinung gesagt! Uns Ehemännern haben Sie die heißersehnte Erlösung gebracht! Ich dank von ganzem Herzen! Und meine Amanda werd ich mir heut noch fürifangen und die Krämerin auch, die, wo das Haupt der Weiberrevolution ist!“

Scharf gellte die Hausglocke. Seine Rede unterbrechend, guckte Gnugesser zum Fenster hinaus, zog aber sofort den krebsrot gewordenen Kopf zurück und stotterte: „Au weh! Herr Pfarrer bekommen gefährlichen Besuch: die Krämerin will herein! Kann ich derweil nicht in Ihrem Schlafzimmer oder Salon warten, bis die Krämerin das Haus verlaßt?“

Lächelnd meinte Pater Wilfrid: „Eben sagten Sie doch, daß Sie Ihre Frau und die Krämerin fürifangen wollten! Die Gelegenheit dazu ist geboten, Sie können der Krämerin hier die Meinung sagen!“

„Nein, nein! Nicht hier, das Pfarrhaus soll doch ein Haus des Friedens sein! Empfehl mich gehorsamst, Herr Pfarrer!“ Und der tapfere Held mit dem Bäuchlein und Patriarchenbart drückte sich zur Türe hinaus. Und prasselte die Treppe hinab so schnell, daß sich die hagere Krämerin erschreckt in eine Ecke flüchtete.

Als dann diese Frau vor dem Pfarrer stand, mußte Wilfrid unwillkürlich an jene Hundespezies denken, die sich durch besondere Magerkeit und minimale Menge an Gehirn auszeichnet. Dürr und mager wie ein Windhund war die Krämerin, aus den Augen leuchtete keineswegs Intelligenz, dafür Streitlust und Eigensinn. Unter dem schwarzen Kopftüchel quirlten etliche dünne Haarsträhne heraus wie Schlänglein. Das scharfgeschnittene Gesicht gemahnte an einen Raubvogel und kündete alles, nur nicht Sanftmut und Frieden. Und Krieg die eckigen Ellenbogen, Kampf die knochigen, auf die schmalen Hüften gestemmten Hände. Ein böser Blick züngelte am Pfarrer hinauf, der aber diese Musterung ruhig aushielt und mit leichter Ironie im Tone fragte, womit er dienen könne.

Fester stemmte die Krämerin die Hände auf die Hüften, scharf klang die Stimme: „Die Predigt, Herr Pfarrer, die unglaubliche Predigt! Es ist wirklich nicht zu glauben, was Sie heut von der Kanzel verkündet haben!“ Die rechte Hand löste sich von der Hüfte, gebieterisch streckte sich der Zeigefinger. „Diese Verkündigung wird der Herr Pfarrer zurücknehmen!“

„Warum denn, liebe Frau?“

„Weil das neue G’setz schwarz auf weiß zu lesen ist! Die ganze Welt weiß davon, nur der Pfarrer von Hall weiß nichts! Ich sag Ihnen: wir führen die gesetzliche Bestimmung durch, ob es Ihnen recht ist oder nicht! Wo ich die Fürsteherin vom Haller Frauenbund bin und zu befehlen hab!“

„Die Absicht, ein gar nicht existierendes Gesetz zur Geltung zu bringen, müssen Sie nicht dem Pfarramt, sondern der Behörde und der Gendarmerie anzeigen, die Ihnen das Nötige und Weitere dann schon mitteilen wird!“