Der Reihe nach kamen Bauern mit ihren Anliegen; diesmal aber auch etliche Weiber, die aber wider Erwarten Wilfrids nicht auf die Predigt reagierten, dafür erstaunliche Bitten vorbrachten. Eine Bäuerin wünschte eine Bevorzugung durch Anweisung eines Kirchenstuhles in der vordersten Bank. Die Bauersfrau Troger bat um Benediktion des Stalles, und zwar heute noch, weil der Pfarrer an Wochentagen selten oder nie in Hall sei, und eine Kuh Schlingbeschwerden habe. Eine andere Bäuerin klagte über den Lehrer, der ihren Kindern zuwenig beibringe und zuviel mit dem Stock arbeite. Mit einer kostbaren Beschwerde kam eine alte Jungfer namens Hupfauf: „Herr Hochwürden!“ lispelte sie anfangs, „ich bin es bekanntlich, die seit Jahren den Marienaltar mit Blumen schmückt; Sie aber sind es, der diesen Schmuck immer wegnehmen ließ!“
Pater Wilfrid erwiderte trocken: „Ganz richtig! Jede Zierde muß Maß und Geschmack haben! Auch ziert man den Marienaltar nur an Marientagen und im Monat Mai!“
Bedeutend schärfer im Ton rief die Jungfer Hupfauf: „Was? Sie wollen mir vorschreiben, wann ich die Gottesmutter verehren und schmücken darf? Und zuwenig G’schmack soll ich haben! So eine Beleidigung! Danken sollen Sie, daß man sich überhaupts um die Kirch’n kümmert! Wo die Welt eh schier nichts mehr von Kirch’n und Pfarrer wissen will in dieser schrecklichen Zeit!“
Wilfrid suchte die aufgeregte alte Maid zu beruhigen.
Aber die Jungfer wurde völlig rabiat und zeterte: „Sein tun die Mannsbilder alle gleich, lauter Spitzbuben, die z’sammenhelfen, wo es gegen die Jungfern geht! Schamen sollen Sie Ihnen, daß Sie zu den Mannsbildern halten und gegen die Weiber predigen! Mich geht die Sach mit dem Frauenbund nichts an, weil ich Gott sei Dank eine Jungfer bin und in Ewigkeit von Mann und Heirat nichts wissen will! Aber weil der Herr Pfarrer so – herb auf die armen Frauen ist und mir das Schmücken des Altars nicht erlauben will, werd ich von nun an zum Frauenbund halten! Jawohl! Und Sie werden dann schon sehen, daß Sie den kürzeren ziehen! Denn siegen tut immer und überall das edle weibliche Geschlecht und die Tugend! Empfehl mich, Hochwürden!“
Während die alte Maid hinausrauschte, krümmte sich Wilfrid vor Lachen.
*
Dem Requiem zum Gedächtnisse des hochseligen Fürsten wohnten die Witwe, der zurückgekehrte Hausmarschall Graf Thurn, Fräulein von Gussitsch, die Beamten, etliche Jäger und das gesamte Personal bei. Hernach stattete die Fürstin mit Martina dem Pfarrer einen Dankbesuch ab. In milder Stimmung, die der Trauerfeier entsprach, dankerfüllt ob der rührendschönen Gedächtnisrede Wilfrids.
Die Dienerin konnte diesmal Triumphe feiern und Anerkennung einheimsen, denn Fürstin Sophie nahm den Tee ein und lobte die weißhaarige Wirtschafterin nach allen Seiten hin.
Im Verlaufe des Frühstücks kam die Fürstin auf Wilfrids „soziale“ Predigt insofern zu sprechen, daß die hohe Frau fragte, ob es wirklich kein Gesetz ähnlich dem Schweizer Entwurf gebe.