Achtes Kapitel
Das direkte Eingreifen der Fürstin in jagdliche Angelegenheiten, der Befehl, daß die Jagdgehilfen ihr direkt Berichte zu erstatten haben, all das mußte zur Ignorierung des Instanzenzuges führen, die Dienstesverhältnisse nachteilig beeinflussen, die Charaktere ungünstig verändern. Die Jagdgehilfen merkten sehr rasch, daß sie williges Gehör fanden, sie kamen wegen jedes Pfifferlings, machten sich wichtig, betonten die Mühen ihres Dienstes, ihre Aufopferung, und versuchten Geldgeschenke herauszuschinden. Um den Jagdleiter Hartlieb kümmerten sich die Jagdgehilfen kaum noch. Erteilte er Befehle, so wurde mit der Befolgung gewartet, weil nach entsprechend gefärbtem Bericht von der Fürstin ja doch Gegenorder gegeben wurde. Offene Auflehnung gegen den Oberbeamten wagten die Jäger natürlich nicht; aber sie freuten sich diebisch, daß so vieles über den Kopf Hartliebs hinweg angeordnet, dem Jagdleiter die Hände gebunden, ihm Stellung und Dienst sehr sauer gemacht wurden.
Am frechsten gebärdete sich der schmucke, von Durchlaucht ganz besonders bevorzugte Jäger Eichkitz. War er doch eine Art „vortragender Rat“ in Jagddienstangelegenheiten geworden, täglich zum Bericht befohlen. Und fast immer geschah, was er befürwortete. Die täglichen Gänge zur Villa gaben einen willkommenen, leicht zu begründenden Anlaß zur Dienstschwänzung, zu Erleichterungen. Die Rennerei in die hochgelegenen Pyrgas-Reviere hatte ein Ende. Klug deckte sich Eichkitz den Rücken gegen das Eingreifen des Oberbeamten, indem der fesche Bursch die Gebieterin aufmerksam machte, daß er nicht gleichzeitig an zwei Orten sein könne; nicht in der Villa bei der gnädigsten Fürstin und nicht zur selben Zeit auf dem Pyrgas. Das begriff die Gebieterin, und sie befahl, daß den Dienst in den Pyrgas-Revieren ein anderer Jagdgehilfe zu machen habe; Eichkitz solle nur zeitweilig behufs Kontrolle nachschauen.
Eichkitz trug die Nase hoch; aber so klug war er doch, um sich durch Brüskierungen nicht unnötigerweise Feinde zu schaffen. Groß war freilich die Verlockung, den Kammerdiener Norbert hochnäsig zu behandeln oder doch zu verulken; Eichkitz sagte sich aber, daß er vielleicht den wegen seines Einflusses nicht zu unterschätzenden Mann gelegentlich brauchen könnte, und stellte sich in dieser Erwägung auf guten Fuß mit dem Haushofmeister. Der Kammerfrau Hildegard, der noch immer stattlichen Witib, gegenüber spielte er den aufmerksamen, demütigen Jüngling, huldigte ihr und verdrehte die Augen, seufzte wohl auch, wenn just kein Beobachter vorhanden war, und bettelte um Protektion. Nicht vergebens, denn die geschmeichelte Kammerfrau steckte ihm manchen Bissen zu. Da Eichkitz zur Schonung seines Geldbeutels freie Verköstigung zu Lasten, doch ohne Wissen der Fürstin anstrebte, mußte logischerweise mit der fürstlichen Hofköchin anbandeln. Dies gestaltete sich aber schwerer, als der hübsche Frechdachs es sich vorgestellt hatte. Die üppige Köchin mit dem ungewöhnlichen Taufnamen Restituta war keineswegs blind, sah ganz gut, daß der Jäger ein bildhübscher Kerl war, aber sie hatte unerschütterliche Grundsätze. Restituta machte auch Eichkitz gegenüber, als er sie erstmals anschmachtete, kein Hehl daraus, daß sie gelobt und geschworen habe, genau den gleichen Lebenswandel zu führen wie ihre Namenspatronin, nämlich „jungfräulich“ zu bleiben und „mutig“ durch das irdische Leben zu gehen, auf daß die Köchin wie die heilige Restituta genau an einem 17. Mai sterbe und von einem Spezialengel in das himmlische Paradies geführt werde. Im tiefsten, heiligsten Ernste hatte Fräulein Restituta dies gesagt und dabei einen Blick verfrühter Verzückung zum Küchenplafond gerichtet. Eichkitz aber kämpfte mit übermenschlicher Kraft, um das Lachen zu verbeißen und den Anschein zu erwecken, als glaube er jedes Wort und er sei ein Verehrer der Restituta von wegen ihres „Mutes“. Nur sprechen konnte er in jener Stunde nicht, der Lachkitzel war zu stark.
Bei einem zweiten Versuch der Anbandelung war der Frechdachs aber schon imstande, zu fragen, ob die Restituta auch – wohltätig gewesen sei.
Davon war der Köchin nichts bekannt; sie wußte sich aber zu helfen, indem sie dem andächtig zuhörenden Jäger mitteilte, daß laut der Heiligenlegende die selige Jungfrau Restituta aus einer – adeligen Familie stammte. Weil sie dann Christin wurde und hinterdrein ob ihres Märtyrertodes heilig, muß sie auch wohltätig gewesen sein.
Eichkitz beschattete mit der Hand die listig funkelnden und lachenden Augen, und süßlichen Tones sprach er die Überzeugung aus, daß sicherlich auch die Köchin Restituta willens sei, sich durch ausgiebige Wohltätigkeit den freien Eintritt in das Himmelreich zu verdienen.
Wie erhofft, biß die dicke Köchin auf diesen Köder, indem sie herausplatze: „Aha jo! Gärn aa no! Wos möcht er denn, der Jaaga?“
„Der Hunger tut weh, Fräuln Restituta! Besonders tut der Hunger weh, wenn der Mensch kein Geld nicht hat! Sind Sie vielleicht auch aus einer adeligen Familie, Fräuln Restituta? So etwa vom Landadel?“