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Nachdem die Staatsgewalt sich der Propagandisten der Tat auf solche Weise entledigt hatte, ging sie mit größter Energie ans Werk, die geistigen Wurzeln der Lehre anzugreifen. Eine ganze Anzahl bedeutender Gelehrter, Schriftsteller, Soziologen trafen diese Maßregeln. Es hatten sich in Paris und in Frankreich zahlreiche Gruppen gebildet, die mit dem Studium und der Verbreitung der Lehre des Anarchismus sich beschäftigten. Solche Gruppen waren: Die Gruppe der Libertäre; Die Avantgarde; Die Kinder der Natur; Die Antipatriotische Jugend; Der Internationale Kreis; Die Schwarze Fahne; Die haarigen Burschen („Les Gonzes Poilus“) von Billancourt; Der Panther von Batignolles. Diese sämtlich in Paris.

Von den Gruppen in der Provinz, die immerhin ihre zentrale Organisation (ohne die selbst der Anarchismus nicht auskommt!) in Paris besaßen, nenne ich die hauptsächlichsten: Die Zuchthäusler von Lille; Die Vaterlandslosen von Charleville; Die Unbezähmbaren; Erde und Freiheit von Armentières; Der Pranger von Sedan; Die Parias der Picardie, die Organisationen der nordwestlichen Teile Frankreichs umfaßte; Die Bereitschaft von Blois; Die Gruppe der Sozialen Forschung in Cherbourg; Die Eber von Châlons; Die Nivellierer von Beaune; Der Yatagan von Terre-Noire; Die Freunde Ravachols von Saint-Chamond; Die Gruppe Erst-recht! von Vienne; Die Rächer; Die Hungrigen von Marseille; Die Empörung; Die Bauernrevolte; Die Entschlossenen; Die Eichenherzen von Cette und viele andere.

Eine dieser Gruppen war von dem Sozialreformer Rousset organisiert und hatte den Namen der „Suppen-Vorträge“. In einer Pariser Wärmehalle sprach Rousset, während arme Hungernde von der Straße dort ihren Teller Suppe löffelten, über soziale Probleme und wie der Not abzuhelfen wäre. Diese Ansprachen erregten selbstverständlich die Aufmerksamkeit und schließlich Abwehr der Behörden. Trotz dem Protest einer Anzahl hervorragender Pariser, darunter Jules Simon, Léon Say, Floquet, de Cassagnac, Alfons Daudet, Sarah Bernhardt und Zola, wurde Rousset vors Gericht gestellt und zu einer empfindlichen Gefängnisstrafe verurteilt.

In Paris wie in der Provinz erschienen Wochenblätter, Zeitschriften in großer Zahl, die der Regierung ein Dorn im Auge waren und deren Verfolgung beschlossen wurde. Die Namen der hauptsächlichsten Zeitschriften dieser Art sind:

„Le Père Peinard“, „Le Riflard“, „Der Leimtopf“, „Die Revolte“, letztere hatte Jean Grave zum Herausgeber. Sebastien Faure gab den „Almanach Anarchiste“ heraus, der originelle Bohémien Zo d’Axa die lebhafte und revolutionäre Revue „L’En-Dehors“, die zu ihren Mitarbeitern neben Malato Schriftsteller wie Octave Mirbeau und den Initiator der Dreyfus-Revision, Bernard Lazare, einen edlen und bescheidenen Menschenfreund, zählte. Beide, Mirbeau wie Lazare, aus der oberen Bourgeoisie stammende Intellektuelle, bekannten sich frei und laut zum Anarchismus und legten in den gefährlichsten Zeiten Zeugnis ab für die seelische Integrität manches von der öffentlichen Meinung gebrandmarkten „Mörders und Attentäters“. –

„Der Freie Gedanke“, „Die Attacke“, „Die Libertäre Revue“ erschienen mit Unterbrechungen weiter; eine antimilitaristische Zeitschrift, „Le Conscrit“ hielt sich trotz härtester Verfolgung. In Marseille erschien „Die Harmonie“, in London, nach einer anderen Version in Brüssel der „L’International“, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die lediglich doktrinären Anarchisten anzugreifen und dabei auch vor Grave, sogar vor Kropotkin nicht Halt machte. Dieser „L’International“ scheint der richtige Moniteur der Propagandisten durch die Tat gewesen zu sein. Er brachte eine Beilage „L’Indicateur Anarchiste“, in dem praktische Anweisung zur Verfertigung von Explosivkörpern gegeben wurde. In früherer Zeit, lange vor dem Erscheinen des „L’International“ hatte die „Lutte“ von Lyon ähnliches unter dem Titel „Anti-bürgerliche Produkte“ zu geben versucht.

Andere Zeitschriften, die die Verbreitung der Ideen des Anarchismus über den ganzen Erdball bezweckten, waren um diese Zeit: in Belgien „La Société Nouvelle“, „Le Libertaire“ und „Le XX. Siècle“. In London erschien „Freedom“, eine ausgezeichnete Publikation, die noch jetzt in dem, jedem London besuchenden Sozialisten wohlbekannten „Bomb-Shop“ des alten Henderson, Charing Cross-Road, erhältlich ist (gegenwärtig hat sie ausgesprochen kommunistischen Einschlag); „The Commonweal“, der durch die Mitarbeit William Morris’ geadelt war; außerdem „The Torch“. Ebenfalls in London, der Stadt, die um die Zeit der allgemeinen europäischen Anarchistenverfolgungen ein sicherer Hafen für die Rebellen aller Nationen war, erschien in hebräischen Lettern das jiddische Anarchistenblatt „Der Fraind fun die Arbeter“, und die deutsche Zeitung „Der Lumpenproletarier“. Andere deutsche Publikationen jener Zeit umfassen die in Amerika erscheinenden: „Freiheit“ von Johann Most, „Die Brandfackel“ von New York, den „Armen Teufel“ Robert Reitzels in Detroit, „Den Vorboten“ von Chicago, die jiddische „Freie Arbeiterstimme“, den „Anarchist“ und andere. Gustav Landauers „Sozialist“, das bedeutendste deutsche Organ, ist noch in Aller Erinnerung. In Italien waren der „Sempre Avanti“ von Livorno, in Spanien „La Conquista del Pan“ von Barcelona, in Südamerika „El Oprimido“ und „Tribuna Operaia“ die verbreitetsten Blätter der Bewegung.

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Es war offenkundig, daß die Taten jener Propagandisten die Lehre des Anarchismus in weitere Gebiete ausgestreut hatten, als friedliche Verbreitung der Theorie dies jemals vermocht hätte. Denn die Zahl, der Umfang der anarchistischen Zeitschriften-Literatur schwoll um die Zeit der Jahrhundertwende in der ganzen Welt beträchtlich an. Ich erinnere mich, welch’ tiefgehende Wirkung in den Tagen meines Pariser Aufenthaltes, der in dieselbe Zeit fiel, zwei Bücher erregten, die von zweien der bedeutendsten lebenden Anarchisten verfaßt waren – und die Eltzbacher in seinem Werk nicht anführt, ja gar nicht zu kennen scheint. Diese Bücher waren Sebastien Faures „La Douleur universelle“, und Jean Graves „La Société mourante et l’Anarchie“, zu dem Octave Mirbeau ein begeistertes Vorwort geschrieben hat.