Noch hatten die Streiks nicht das Stadium der akuten Revolte erreicht – da brachte ein Ereignis sozusagen den entscheidenden Schwung in die gesamte revolutionäre Bewegung.

Im Mai 1890 wurde in dem kleinen Ort Le Raincy bei Paris eine Werkstatt entdeckt, in der Russen Explosivstoffe und Höllenmaschinen hergestellt hatten. Wenige Monate später wurde der russische General Seliwerstow, ehemaliger Polizei-Präfekt von St. Petersburg, auf den Boulevards durch einen Polen, namens Padlewski, getötet. Padlewski gelang es, mit Hilfe französischer revolutionärer Sozialisten, die Flucht zu ergreifen. Diese Tat lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums und der Regierung auf die unzweifelhaft gärenden Elemente der französischen Arbeiterbevölkerung, die sich schon in den mannigfachen Streiks deutlicher werdend, an die Oberfläche gewagt hatten. Es kam der 1. Mai 1891, und mit diesem Datum beginnt die Ära der anarchistischen Attentate, von der hier die Rede sein soll.

*

An diesem 1. Mai 1891 fanden an vielen Orten Manifestationen ernster Art, Zusammenstöße zwischen Arbeitern und der Polizei statt. In Lyon, Marseille, Nantes und Charleville kam es zu Konflikten, wobei gelegentlich die Truppen von der Polizei zu Hilfe gerufen worden waren. Die beiden bedeutungsvollsten und für die Entwicklung der Dinge wesentlichsten Ereignisse aber waren die von Fourmies und von Clichy. Man kann sagen, daß diese beiden Ereignisse, die von Fourmies und von Clichy, den revolutionären Trieb unter den radikalen Elementen der französischen Arbeiterschaft, vor allem unter den Propagandisten der Tat, entfesselt haben.

Fourmies ist eine kleine Industriestadt in der Nähe von Avesnes im Departement Nord und bildet den Mittelpunkt eines großen Industriebezirkes, in dem hauptsächlich Glasbläsereien und Spinnereien sich befinden. Ein lokaler Streik, der in Fourmies um die Zeit der Maifeier ausbrach, drohte bald derartige Dimensionen anzunehmen, daß der Unterpräfekt der Kreisstadt Avesnes, Isaac, Infanterie zur Unterdrückung der Unruhen herbeizurufen für gut befand. Die Truppen wurden von einem Major Chapu befehligt, der, als aus der Menge Steine gegen die Soldaten geworfen wurden, den Befehl zum Feuern gab. Nach wenigen Augenblicken bedeckte eine Menge von Toten und Verletzten das Pflaster. Man zählte 40 Schwerverwundete; 2 Männer, 4 Frauen und 3 Kinder waren getötet worden.

Um die gleiche Stunde spielte sich in Clichy, der nördlichen Arbeitervorstadt von Paris, ein wesentlich harmloseres Ereignis ab, welches aber, da es den revolutionären Kern Paris berührte, vielleicht von erheblicheren Folgen begleitet war, als das Ereignis von Fourmies, das immerhin die Geister noch lange im Banne hielt.

Eine kleine Gruppe von Anarchisten hatte in einem kleinen Café eine Versammlung abgehalten, bei welcher Gelegenheit die Korruption der bürgerlichen Republik in gehöriger Weise ihre Kritik abbekam. Nach Schluß der Versammlung begaben sich die Teilnehmer der Versammlung auf die Straße. Es war nicht das erste Mal, daß in den Straßen von Paris eine Gruppe von Menschen unter Vorantragung einer roten Fahne sich vorwärts bewegte, aber diesmal schien die Polizei strenge Weisung erhalten zu haben, jede Manifestation revolutionärer Art unnachsichtig zu unterdrücken. An einer Straßenkreuzung stürzten sich daher die Polizisten auf die Frau, die die Fahne trug, und auf die kleine Gruppe von Menschen, die hinter ihr her marschierte. Revolverschüsse fielen – von beiden Seiten – und das war das Neue an der ganzen Angelegenheit. Die Polizei verhaftete eine Anzahl von Menschen, brachte sie auf die Wache, wo die Gefangenen in übelster Weise zugerichtet wurden. Im französischen Volksmund heißt diese Prozedur: „passer à tabac“, und die Art und Weise, wie die Gefangenen bei dieser Gelegenheit „vertobakt“ wurden, schien die Gemüter der unteren Schichten von Paris in besonders starkem Maße aufgebracht zu haben.

Die Polizei behielt drei der Verhafteten, die vor das Gericht gestellt, in den nächsten Wochen abgeurteilt wurden. Während einer von den dreien straflos entlassen wurde, erhielten die beiden anderen ungewohnt harte Strafen, die tatsächlich in keinem Verhältnis zu dem Vergehen standen, dessen sie beschuldigt waren, namentlich: der Arbeiter Decamp 5 Jahre Zwangsarbeit, der Arbeiter Dardare 3 Jahre Zwangsarbeit. Das Urteil der Jury fiel nach Wunsch des Staatsanwaltes aus, der für die Angeklagten die höchste zulässige Strafe verlangt hatte. Wenn die Jury auch mildernde Umstände in Anwendung gebracht sehen wollte, weigerte sich der Präsident des Gerichtshofes doch, diesem Begehren stattzugeben. Die beiden Arbeiter wanderten ins Zuchthaus, ihr Gedenken lebte in den Gemütern der Pariser Arbeiterschaft unter dem Stichwort der „Märtyrer von Clichy“ fort.

Die öffentliche Meinung des rasch lebenden Paris hatte diese Märtyrer und ihre Leiden, wie das Schandurteil des Gerichtes, das sie zu diesem Leiden verurteilte, bald vergessen – aber die revolutionäre Arbeiterschaft hatte sie nicht vergessen. Immerhin verging ein halbes Jahr, ehe sie, und zwar auf eklatante Weise gerächt wurden.

Im März 1892 erfolgten innerhalb weniger Tage drei Ereignisse, die mit dem Prozesse von Decamp und Dardare zusammenhingen, und die den sogenannten anarchistischen Terror von 1892-94 einleiteten.