Am 11. März explodierte eine Bombe im Hause des Monsieur Benoit, Präsidenten des Gerichtshofes, der die beiden Arbeiter verurteilt hatte; am 15. richtete eine Explosion in der Lobau-Kaserne beträchtlichen Schaden an; am 27. März aber flog ein Teil des Hauses, in dem Monsieur Bulot, der Staatsanwalt, wohnte, in die Luft. Auf solche Weise rächte die Revolution sich an den Vertretern der Staatsgewalt für den 28. August 1891, an dem die Märtyrer von Clichy ihre ungerechte Strafe empfangen hatten.

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Besonders die Explosion bei Monsieur Benoit, der in einem vornehmen Hause am Boulevard St. Germain wohnte, und jene andere Explosion, die in der Rue de Clichy das Haus des Staatsanwaltes Bulot arg beschädigte, zeigten dem aufschreckenden Volke von Paris, daß ein Wille, ein Plan hinter diesen Attentaten steckte. Das war es, was am meisten Schrecken unter der Bevölkerung, besonders dem Magistrat und den Personen der Regierung verbreitete. Man sah sich plötzlich einer ungekannten, ungreifbaren, augenscheinlich effektiven Macht gegenübergestellt, die durch eine Idee geleitet wurde, gleich jener, in deren Dienste man selber stand. Es war die Idee der Gewalt, Gericht gegen Gericht, Meinung gegen Meinung, Schicksal gegen Schicksal. Das Volk hatte gesprochen, das stumme, unterdrückte wurde in einer Folge von schrillen Aufschreien plötzlich laut. Und diese Schreie tönten mitten durch den Lärm des genießerischen Paris, durch die taumelnden Boulevards. Sie verkündeten Revolution.

Man mußte sich vor der Revolution schützen. Wo aber sie fassen? Die drei Explosionen bedeuteten dem zynisch leichtlebigen, jede Beängstigung leichtfertig zum Nervenkitzel degradierenden Paris eine Warnung und ernste Beunruhigung.

Rascher als man ahnte, entblößte sich die Wurzel des revolutionären Triebes. Kaum drei Tage nach dem letzten Attentat, dem der Staatsanwalt zum Opfer fallen sollte, wurde in einem Restaurant am Boulevard Magenta der Täter verhaftet. Und das kam so. –

Der Kellner des Restaurants Véry, jenes Restaurants am Boulevard Magenta, bediente am 27. März einen Mann, der sich mit ihm in ein Gespräch eingelassen hatte. Der Mann frug den Kellner, ob er Soldat gewesen sei? Der Kellner antwortete „Nein“ und bemerkte, er freue sich darüber, dem Dienst entronnen zu sein, worauf der Gast ihm den Rat gab, fleißig anarchistische Zeitungen zu lesen und im Gespräch die Bemerkung fallen ließ, daß sich vor einigen Stunden in der Clichy-Straße eine neue Explosion ereignet hätte, die von größerer Wirkung als die neuliche am Boulevard St. Germain gewesen sei. Es seien diesmal zahlreiche Personen verwundet worden. – Kurze Zeit, nachdem der Gast gegangen war, brüllten die Zeitungsjungen die aufregenden Einzelheiten des neuerlichen Attentates über den Boulevard Magenta. Als der Gast drei Tage später wieder im Restaurant Véry erschien, schickte der Kellner insgeheim nach der Polizei. Die Polizei verhaftete den Gast des Restaurants Véry: es war Ravachol.

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Wer aber war Ravachol? Der Prozeß vor den Assisen, der sich kaum einen Monat nach der Verhaftung Ravachols in Paris abspielte, setzte eine der merkwürdigsten Gestalten des revolutionären Frankreichs ins volle Licht der Öffentlichkeit.

Ravachol war zur Zeit seiner Verhaftung 32 Jahre alt; ein kleiner untersetzter Mann von enormen physischen Kräften, dabei von einer gewissen Sentimentalität beherrscht, die sich in seinem Verhältnis zu der Frau, mit der er zusammenlebte, wie auch in seinen Anschauungen über die Pflicht, die der Einzelne seinen leidenden Mitmenschen, besonders wehrlosen Frauen und hungrigen Kindern gegenüber hat, manifestierte. Gleichzeitig mit einer aufs höchste entwickelten Zielbewußtheit und Energie in bezug auf die Aktion, die unternommen werden mußte, um das Unrecht, das die Gesellschaft an dem leidenden Mitmenschen verübte, aus der Welt zu schaffen.

Ravachol war das eheliche Kind seines Vaters. Sein richtiger Name war Franz August Königstein, aber Ravachol hatte den Namen seiner Mutter angenommen, weil er es ablehnte, in Frankreich als ein Deutscher herumzulaufen. Seine Kindheit und frühen Mannesjahre spielten sich im Geburtsort der Mutter, dem Städtchen St. Chamond ab, in dem sich verschiedene Fabriken befinden, Stahlwerke, Glasbläsereien, Seiden- und Bänderwirkereien, wie überhaupt dieses ganze Gebiet der oberen Loire einen der werktätigsten Industriebezirke Frankreichs bildet.