Ravachol, der nicht schwerer als die gesamte andere Bevölkerung unter der Ausbeutung der Arbeiter dieser Gegend litt, betätigte sich Jahre lang in verschiedenen Fabriken, zuletzt als Färber, wobei er sich wahrscheinlich einige grundlegende Kenntnisse in der Chemie anzueignen verstand. (Diese Kenntnisse hat er später bei der Vorbereitung seiner Attentate gehörig zu verwerten gewußt.) Bald bekam er das Elendsdasein, das die Genossen in den Fabriken allzu willig ertrugen, satt. Seinem phantastischen und ungezügelten Temperament entsprach weder die harte Fron, die aussichtslose stupide Folge der täglichen eintönigen Arbeitslast, noch das langsame unabsehbare Spiel der Reformen, zu denen die Organisationen die Arbeiterschaft zu drillen unternommen hatten. Natürlich war seines Bleibens, da er seinem Temperament die Zügel schießen ließ, in den Fabriken der Gegend nicht lange.

Nach einem kleinen mißglückten Versuch, das schöne Silbergeld Frankreichs durch eigene Stanzapparate herzustellen, unternahm Ravachol seinen ersten Mord. Er verübte ihn an einem alten alleinstehenden Edelmann, namens Rivollier, der mit seiner bejahrten Dienerin am Ende eines Dorfes in der Nähe von St. Chamond hauste. Die Ausbeute an Geld scheint bei dieser Tat nur eine geringe gewesen zu sein. Nach der Tat kehrte er an seinen Wohnort zurück, wo er fünf weitere Jahre lebte, ehe er seine zweite Unternehmung vollbrachte.

Diese war von weitaus geringerer krimineller Bedeutung als die erste. Eine der vornehmsten aristokratischen Familien der Umgebung, die Familie der Grafen von Rochetaillée hatte eine Angehörige verloren: eine alte Dame, von der die Sage ging, sie habe in ihrem letzten Willen den Wunsch geäußert, mitsamt ihrem wertvollen Schmuck begraben zu werden. Einige Wochen nach dem Begräbnis der alten Dame wurde das Gewölbe des Erbmausoleums erbrochen gefunden, die Platten von dem Grabe waren mit ungeheuerlicher Kraft beiseite geschoben, ein kleines Holzkreuz und eine geweihte Medaille lagen auf dem Boden neben dem Sarkophag, in dem die alte Dame ruhte – die, wie man bei dieser Gelegenheit erfuhr, als einzigen Schmuck eben nur diese beiden kümmerlichen Stücke mit ins Grab bekommen hatte. Dies war Ravachols zweite Tat.

Die dritte, die er wenige Wochen später, und zwar Mitte Juni 1891 ebenfalls in der Nähe seines Wohnortes verübte, war der Mord an dem „Eremiten“. Der alte Brunel, von der Bevölkerung der Eremit genannt, lebte vom Beten, Prophezeien und von der Weiterleitung der Wünsche der Landbevölkerung an den lieben Gott. Er bekam für diese Betätigung von den abergläubischen Bauern und Bäuerinnen Lebensmittel, abgelegte Kleider und Geld. Ravachol dürfte, als er den Alten in seiner Hütte erwürgte, in allen möglichen Behältern, Pfannen, Matratzen, in allen Winkeln und Verstecken etwa 5000 Franken erbeutet haben. Dieser Schatz bestand aus Gold-, Silber- und Kupfermünzen. Die Kupfermünzen ließ Ravachol liegen, den Rest schleppte er mit, wurde aber von der Gendarmerie nach kurzer Zeit verhaftet und konnte diesmal nur durch einen glücklichen Zufall entwischen.

Einige Monate später sehen wir Ravachol mitsamt seinem Freunde und einer Freundin, bei denen er einige Zeit lang Unterkunft gefunden hatte, seinen Weg nach Paris nehmen, und zwar nach St. Denis, einem nördlichen Vorort, der seit langem, auch heute noch als Brennpunkt der revolutionären Arbeiterbewegung bekannt ist.

Ravachol, der in St. Denis unter dem Namen Louis Léger lebte, trat bald nach seiner Ankunft mitsamt seinem Freund Jus-Béala einer Gruppe aktiver Anarchisten bei, die die antimilitaristische Propaganda zur hauptsächlichsten Aufgabe ihrer Aktivität gemacht hatte. Die Gedanken dieser Gruppe faßten bald starke Wurzeln in Ravachols Hirn und Herz, und da ihn ein Zufall binnen kurzem in den Besitz einer großen Menge von Dynamit-Patronen brachte, unternahm er es, die Märtyrer von Clichy auf eigene Faust zu rächen. Es war gerade die Zeit, in der das Gedächtnis von Decamp und Dardare den revolutionären Flügel der Pariser Arbeiterschaft besonders heftig irritierte. Mit einigen Genossen, unter denen sich auch der spätere Judas der Gruppe befand, gelang es Ravachol, jenen Diebstahl von Dynamit-Patronen bei einem Erdbauunternehmer namens Couézy, in Soisy-sous-Étiolles bei Paris durchzuführen. Nach einer Version sollen es bloß 120 Patronen gewesen sein, eine andere Version aber spricht von 400. Jedenfalls erregte der Diebstahl bald die Aufmerksamkeit der Polizei, die mit voller Energie in allen möglichen Quartieren, wo Anarchisten wohnten oder vermutet wurden, rund um Paris Haussuchungen veranstaltete. Ravachol indes war mitsamt seiner Beute bereits nach einem anderen Vorort von Paris übersiedelt, dem Ort St. Mandé im Osten der Stadt. Sein Plan stand fest: er war berufen, das Leiden der ungerecht und allzu hart Verurteilten Decamp und Dardare an den beiden Personen heimzusuchen, die als Exekutivbeamte des Staates die größte Schuld zu tragen schienen. So kamen die Explosionen bei Benoit und Bulot zustande.

Die zweite in der Reihe der Explosionen, nämlich die in der Lobau-Kaserne war, wie man später erfuhr, das Werk des Anarchisten Meunier, desselben, der am Vorabend des Prozesses gegen Ravachol eine Bombe in dem Restaurant Véry am Boulevard von Magenta niederlegte, in dem Ravachol verhaftet worden war. (Dieses Attentat, das Meunier zusammen mit einem jungen Genossen namens Francis unternommen hatte, verursachte den Tod des Wirtes Véry und eines zufälligen Besuchers. Es erregte in Paris ungeheuren Schrecken und Entsetzen, weil man in ihm, mit Recht, die systematische Fortsetzung der durch Ravachol begonnenen Aktionen erblickte.)

Meunier wurde erst zwei Jahre später entdeckt, verhaftet und zu lebenslänglicher Zwangsarbeit deportiert. –

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Am 26. April 1892 begann der erste Prozeß gegen Ravachol vor dem Schwurgericht in Paris; der zweite und letzte Prozeß gegen Ravachol aber fand zwei Monate später vor dem Schwurgericht in Montbrison statt.