Schon aus dieser Gegenüberstellung ist klar, wie tief dieser Gegensatz in unser Leben einschneidet, wie wichtig es deshalb auch in praktischer Hinsicht ist, über ihn volle Klarheit zu gewinnen.
Und es ist ganz erstaunlich, wie schwer der Menschheit diese Klarheit geworden ist und wie verhängnisvoll oft die Fehler gewesen sind, die aus einem Verkennen der Natur des sprachlichen Denkens entsprungen sind. Erstaunlich, aber erklärlich. Mit der Bildung von sprachlichen Übersymbolen war dem Menschen ein Instrument gegeben, das Denken zugleich leichter und mächtiger und sozialer zu machen: Nicht mehr brauchten jetzt die Verbindungen zwischen den Bahnfiguren das ganze Gehirn zu durchziehen, von einer Sinnessphäre zur anderen, sondern in dem engen Bereich der Sprachsphäre konnten sie vollzogen werden. Dabei umfaßten die Begriffe mehr Einzelheiten als selbst die Sammelvorstellungen; die Denkoperationen mit ihnen waren dementsprechend allgemeiner, ergiebiger und fruchtbarer. Was Wunder, daß die Menschen dies wundervolle Instrument mit Eifer und naivem Vertrauen handhabten, ohne sich über seine Natur und Leistungen klar zu sein, ja daß schließlich die es Handhabenden von einem wahren Machtrausch ergriffen wurden. So zieht sich eine Kette des Mißverstehens von den indischen Denkern, die in Begriffen von größter Allgemeinheit (d. h. Vorstellungslosigkeit) schwelgten, über die griechischen Sophisten, die die Dialektik des begrifflichen Denkens zu praktischen Zwecken ausbildeten und zum Teil mißbrauchten, über Plato, dem nur die Begriffe das wahre Sein, die Dinge nur dessen Abglanz waren, durch das Mittelalter, in dem die Realisten die Realexistenz der Begriffe vertraten, durch die deutsche spekulative Philosophie hindurch bis in unsere Tage.
Das leichte Zusammenfassen vieler Vorstellungen in dem Übersymbol eines Wortes bewirkt, daß zuerst im Sprachzentrum, mit Überspringen gleichsam des Vorstellungsgebietes, ein Zusammenfassen zustande kommt. Es verführt uns aber auch leicht dazu, uns bei diesem Zusammenfassen als einer wirklichen Erkenntnis zu beruhigen. So sehen wir in allen Wissenschaften – nicht zum wenigsten in der Psychologie – Worte die erste Stufe der Erkenntnis bilden und für vollgültige Erklärungen genommen werden. Und lange dauert es stets, ehe sie mit Vorstellungen durchtränkt und dabei meistens durch bessere ersetzt werden. So geht die Erkenntnis häufig den umgekehrten Weg des physiologischen Prozesses.
Das leichte Kombinieren ferner der Begriffe im Sprachzentrum verleitet unausgesetzt zu demselben Fehler, den die Börse, das Verkehrszentrum, begeht, wenn sie den bequemen Papierverkehr zu selbständig und zu losgelöst von der Wirklichkeit der Waren, die durch die Papiere symbolisiert werden, betreibt. In beiden Fällen entstehen haltlose Gebilde, die schließlich mit der Wirklichkeit kollidierend zusammenbrechen.
Wohl kaum abzuwehren brauche ich die Auffassung, als würde das vorstellende Denken reinlich getrennt vom Begrifflichen von uns ausgeübt. Es wäre ja, nachdem einmal das wundervolle Instrument der Sprache geschaffen ist, unverzeihlich, wenn nicht auch die sich seiner bedienten, deren Denken sich eng an die Wirklichkeit anschließt und deshalb vorzugsweise in Vorstellungen bewegt. Damit erledigt sich auch die oft erörterte Frage, ob es ein nicht-sprachliches Denken überhaupt gibt.
Gehen wir aber, nachdem wir den allgemeinen Charakter der beiden Denkformen festgestellt haben, nunmehr genauer auf die Vorgänge, die sich in ihnen abspielen, ein!
Wir haben das Denken aufgefaßt als eine Folge von Zerfallprozessen, die das sehr labile Protoplasma der Hirnnerven durcheilen, nachdem sie an einem Ende eingeleitet sind. Stellen wir uns aber das Wirrsal von Millionen zerfallbereiter Fasern vor, durchflogen gleichsam von einem glimmenden Brande, dessen Verlauf durch nichts bestimmt wird als durch die mehr oder weniger große Zerfallbereitschaft der einzelnen Fasergruppen, so scheint diese Vorstellung doch recht wenig Ähnlichkeit mit der eines geordneten Denkens zu haben.
Bloße chemische Zerfallprozesse – wie sollen die in ihrer vollendeten Formlosigkeit die scharfen Formanschauungen darstellen können, die dem Künstler oder dem Chirurgen oder dem Jäger oder auch nur seinem Wilde eigentümlich sind, wie in ihrer Unberechenbarkeit – denn alle Auslöseprozesse sind unberechenbar – die genauen Messungen und Berechnungen herstellen, die der Astronom, der Physiker ausübt? Wie soll in diesem Wirrsal der Charakter der Ordnung, der Über- und Unterordnung zustande kommen, den das Denken des Mathematikers, des Logikers, des Juristen verlangt?
Wie ordnen sich die Nervenprozesse, die das Denken ausmachen, so, daß sie der Wirklichkeit entsprechen, – das ist in der Tat die Kardinalfrage, von deren Beantwortung unser Verständnis des Vorganges, ja die Haltbarkeit der ganzen Hypothese abhängt.
Natürlich müssen wir bei dem Beantwortungsversuch auf alle die schönen Worte, wie Verstand, Kategorien, logische Grundsätze usw., verzichten, die den Bewußtseinspsychologen zur Erklärung der Ordnung im Denken zur Verfügung stehen, – es sei denn, daß es uns gelänge, ihnen einen physikalisch-chemischen Sinn zu verleihen.