Sehen wir also zu, wo wir mechanisch ordnende Prinzipien entdecken.
Ordnung kann dem Gehirnprozesse entweder von innen (aus sich selbst) oder von außen kommen.
Da wir alles seelische Geschehen als veranlaßt von außen, zur Wirkung nach außen auffassen, so liegt es nahe, zu untersuchen, ob die Außenwelt die Ordnung schaffende Macht ist. Und in der Tat ist dies der Fall.
Jede unserer Bewegungen, die einem falschen Raumbilde entstammt und deshalb ihr Ziel verfehlt, z. B. die falschen Greifbewegungen des kleinen Kindes, wird von der Außenwelt mit einem erziehenden Klaps beantwortet. Und diese korrigierende Wirkung reicht von den einfachsten Reflexbewegungen bis zu unseren aus kompliziertestem Denken entsprungenen Handlungen. Die Wirklichkeit merzt die nicht in sie passenden, mit anderen durch sie hervorgerufenen Vorstellungen kollidierenden Bahnfiguren aus.
Man könnte einwenden, daß doch die Tiere zusammengesetzte Instinkthandlungen sofort richtig vollführen, daß ihnen also ein ordnendes Prinzip eingeboren sein müsse und sie somit der Erziehung durch die Wirklichkeit nicht bedürften. Aber Instinkthandlungen sind nicht anders zu beurteilen als eingeübte Handlungen, bei denen auch die Lehrmeisterin Wirklichkeit nicht mehr tätig zu sein braucht, weil sie es früher war.
Aber die Korrektur, die die Außenwelt an unseren Vorstellungen vornimmt, würde uns von geringem Nutzen sein, wenn die große Kraftverschwendung, die damit verbunden ist, in jedem einzelnen Falle wiederholt werden müßte. Erst dadurch, daß die richtige Bahn nun zu einer solchen geringsten Widerstandes wird, entsteht eine dauerhafte »Anpassung der inneren an äußere Bewegungen«, wie die Formel Spencers vom Leben lautet.
Da sich aber in der Außenwelt die Beziehungen des Nebeneinander, Nacheinander und Durch- oder Auseinander unausgesetzt wiederholen, so werden auch die entsprechenden Vorstellungen des Raumes, der Zeit und der Ursache in vorzüglich ausgeschliffenen Bahnen verlaufen. Sie werden, wie gelehrige Schüler, nicht nur ihr Pensum bald fehlerlos auswendig können, sondern selbst die Korrektur der anderen Vorstellungen übernehmen können. Sie stehen für uns dann als die ordnenden Kräfte des Vorstellungslebens um so mehr da, als ihre eigene Erziehung durch die Wirklichkeit vor unserm Bewußtwerden und vor unserer Geburt liegt.
Lassen Sie uns daher einen Blick auf die Erziehung dieser Erzieher werfen.
Zunächst die Raumvorstellung. Sie ist entstanden – wie jetzt wohl unter den neueren Psychologen feststeht – aus Bewegungsempfindungen. Durch die Bewegung der Augenmuskeln entsteht, wenn der gelbe Fleck der Retina die Linien eines Objekts verfolgt, die Vorstellung der Fläche, wenn die beiden Augen konvergent gestellt werden, die der Tiefe. Dabei erzwingt die Wirklichkeit durch unausgesetztes Korrigieren falscher Bewegungen ein genaues Entsprechen der Bahnfigur (der Vorstellung) und des Objektes. In gleicher Weise kann auch durch die Bewegung des Armes beim Abtasten eines Gegenstandes die Raumvorstellung gebildet werden. Und die beiden so gewonnenen Raumvorstellungen kollidieren nicht – werden also von uns identifiziert. Da diese Bewegungsempfindungen aus Beziehungen zwischen den Empfindungen zweier Lagen bestehen, so können wir die Raumvorstellung bezeichnen als die zu einer einheitlichen Vorstellung verschmolzene Gesamtheit unserer Bewegungsbeziehungen.
In einer interessanten und einleuchtenden Arbeit hat Heinrich Sachs nachgewiesen, daß diese Verschmelzung schon in einem subkortikalen Zentrum, dem Augenmuskelkern, erfolgt, so daß die Raumvorstellung schon als fertige Einheit zu den im Großhirn entstehenden Gebilden in Beziehungen treten würde. Es ist klar, daß durch eine solche, abgesondert von den anderen Vorstellungen erfolgte Entstehung der Eindruck eines Nichtgewordenseins, einer Apriorität noch verstärkt werden muß, der auch ohne diese Hypothese aus der Befestigung der Bahnen in ungezählten Vorgeschlechtern verständlich ist.