Daß dieser auf logischem Wege gewonnenen Erkenntnis die Tatsachen entsprechen, ist ausgemacht – nur, ob ihre Tragweite noch über unsere Welt hinausgeht, kann zweifelhaft sein! »Ob den allgemeinen und notwendigen Formen des Denkens,« fährt Drobisch fort, »denen sich tatsächlich die Anschauungen fügen, über diese hinaus eine reale Bedeutung zukommt, ob sie das Wesen der Dinge ausdrücken oder sich gar in ihnen Evolutionen des Absoluten abspiegeln, darüber kann nur die Metaphysik Aufschluß geben, die aber wiederum, um den Rückweg zum Gegebenen nicht zu verlieren, ohne den leitenden Faden der formalen Logik nicht einen Schritt in das dunkle Labyrinth der transzendenten Spekulation wagen kann.«
Was hier als möglich hingestellt ist, wird von Hegel bekanntlich als wirklich behauptet; nach ihm sind die sprachlichen Denkformen zugleich Wirklichkeitsformen und seine Logik ist deshalb zugleich Physik und Metaphysik.
Und doch – und doch – wir finden in unserm Schema für diese Königin keinen Thron, ja nicht einmal eine Lücke, in der wir sie unterbringen könnten. Ehe wir aber deswegen unser Schema preisgeben, sehen wir zu, wie sich die Logik, von unserm Standpunkte gesehen, ausnimmt.
Zunächst die vier »Normalgesetze des Denkens«.
- Der Identitätssatz: A = A. Der Satz bezieht sich nicht auf eine Wiederholung derselben Vorstellung, denn dann wäre er falsch, sondern besagt in der Tat nur: dasselbe ist dasselbe und immer wieder dasselbe. Das ist aber eine Sprachform ohne jeden Vorstellungsinhalt und deshalb völlig leer.
- Der Satz vom Widerspruch: A kann nicht gleichzeitig B und nicht B sein, d. h. in unserm Vorstellungskreise: die Bahnfigur A kann nicht gleichzeitig mit der B verbunden und nicht verbunden sein. Aber die Verbindung kann durch mehr oder weniger Fasern hergestellt sein, auch durch so wenige, daß es unmöglich ist, sich klar zu werden, ob sie überhaupt besteht. Der Apfel kann nicht zugleich gelb und nicht gelb sein – das ist logisch, aber bei weitem nicht immer vorstellungsmäßig klar. Denn die gelbe Farbe kann bis zur Unmerklichkeit in die grüne oder in die rote übergehen. Zweifelfrei ist die Anwendung des Satzes nur, wo es sich um quantitative, also räumliche, zeitliche, kausale Beziehungen handelt, wie: dieser Punkt kann nicht zugleich innerhalb und außerhalb dieses Kreises liegen, die Tat kann nicht zugleich gestern und nicht gestern geschehen sein usw. Das verweist uns auf unsere Kategorien von Raum und Zeit als den Kern des Satzes.
- Das dritte Gesetz »vom ausgeschlossenen Dritten oder Mittleren«: A ist entweder B oder nicht B, ein Drittes oder Mittleres gibt es nicht; der Punkt liegt entweder in dem Kreise oder nicht in dem Kreise – ist der Vorstellung nach mit dem zweiten Gesetz gleichbedeutend und nur in der Sprachform verschieden: derselbe Sinn ist dort negativ, hier positiv ausgedrückt.
- Das vierte Gesetz: Jedes richtige Urteil ist einer logisch zureichenden Begründung fähig, spricht nur die vertrauensvolle Annahme aus, daß genügende ordnende Kräfte im richtigen sprachlichen Denken zur Verfügung stehen, ohne eine davon nachzuweisen. Bekanntlich aber halten wir vieles für richtig, ohne es logisch begründen zu können.
So erschließen uns diese vier Normalgesetze keine neuen Quellen der Denkordnung. Von ihnen wird nun aber bei dem Hauptstück der Logik, der Lehre von den Schlüssen, nicht einmal viel Gebrauch gemacht. Vielmehr treten hier zu unserer Überraschung neue »Grundsätze« auf, die ohne weiteres als feststehend und einleuchtend angenommen werden. So stützt sich der »Schluß der ersten Figur« (nach Drobisch) auf die Grundsätze:
- worin das Ganze enthalten ist, darin ist auch sein Teil enthalten,
- wovon das Ganze ausgeschlossen ist, davon ist auch jeder Teil ausgeschlossen.
Diese Beziehungen zwischen dem Ganzen und seinen Teilen sind aber offensichtlich dem Vorstellungsgebiet des Raumes und der Zeit entnommen und dadurch allerdings ohne weiteres einleuchtend.
Und so weiterschreitend können wir die ganze Syllogistik in Raum- und Zeitvorstellungen auflösen. Das ist schon von Fr. Alb. Lange geschehen, der sämtliche Schlußformen zeichnerisch dargestellt und nachgewiesen hat, daß sie aus der räumlichen Anschauung ihre überzeugende Kraft beziehen. Er hat auch mit Recht bemerkt, daß der korrekteste logische Beweis, um uns zu überzeugen, der Ergänzung durch die räumlich-zeitliche Anschauung eines Beispiels bedarf.
Kurz, wir dürfen es aussprechen: die ordnende Kraft der Logik, die sich ausschließlich im begrifflichen Denken betätigt, entstammt den Vorstellungskategorien und durch diese der Außenwelt.