„Diese Depesche ist freilich wie ein Keulenschlag. Unser bester Feldherr, die aus den besten Truppen Indiens gebildete Armee sind völlig besiegt. Mit Recht könnten wir ja sagen, daß Englands Größe noch fest auf beiden Füßen steht, so lange England, diese meerumgürtete Insel, vor dem Feinde gesichert ist. Keine Niederlage in Indien oder in einer der Kolonieen kann uns tödlich treffen. Was wir in einem Erdteil verlieren, nehmen wir doppelt in einem andern zurück, so lange wir im Haupte selbst und im Herzen, auf unserer Insel, stark und gesund sind. Aber das ist es gerade, was mich besorgt macht. Die Sicherheit Großbritanniens ist bedroht, wo fast die ganze Welt die Waffen gegen uns erhebt. Eine starke französische Armee steht zur Invasion bereit, Dover gegenüber, eine starke deutsche Armee in den Niederlanden, ebenfalls bereit, an unsere Küsten überzusetzen. Ich frage, welche Maßregeln sind getroffen worden, um einen Angriff auf unser Mutterland abzuwehren?“
„Die britische Flotte,“ entgegnete der erste Lord der Admiralität, „ist stark genug, die Flotten unserer Feinde zu zerschmettern, wenn sie wagen sollten, sich auf offenem Meere zu zeigen. Aber die russische, französische und deutsche Flotte sind so klug, sich unter dem Schutze der Festungen in den Häfen zu halten. Wir haben zwei Flotten im Kanal, die eine, von zehn Linienschiffen nebst achtzehn Kreuzern und den nötigen kleinen Fahrzeugen, dazu bestimmt, die deutsche Flotte anzugreifen, die andere, stärkere, von vierzehn Linienschiffen und vierundzwanzig Kreuzern, dazu bestimmt, die französische Flotte zu vernichten. Eine dritte Flotte ist im Hafen von Kopenhagen, um die russische Flotte an ihrer Vereinigung mit der deutschen zu verhindern. Der Plan, nach Kronstadt zu fahren, ist aufgegeben worden, da die Erfahrungen des Krimkrieges warnen und wir unsere Seestreitkräfte nicht zu weit auseinanderziehen wollen. Unsere Admirale und Kapitäne werden durch die Nachricht von den Erfolgen der Russen davon überzeugt werden, daß es sich jetzt um Englands Ehre und Englands Bestand handelt. Als wir im achtzehnten Jahrhundert Frankreichs Seemacht von allen Meeren vertrieben, und als wir die Flotte des großen Napoleon besiegten, da galt die Regel, daß jeder besiegte Admiral und Kapitän unserer Marine standrechtlich erschossen wurde und daß schon bei jedem nicht völlig ausgenutzten Erfolg unserer Kriegsschiffe das Kriegsgericht den Befehlshaber absetzte. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo jene alten, strengen Gesetze wieder in Wirkung treten müssen.“
„Nach dem letzten Bericht der Admiralität,“ sagte der Lord Großkanzler, „hatte die Flotte siebenundzwanzig neue Panzerschlachtschiffe, deren ältestes von 1895 ist. Die Panzer von 1902: Albemarle, Cornwallis, Duncan, Exmouth, Montagu und Russell, sowie die Panzer von 1899: Bulwark, Formidable, Implacable, Irresistible, London und Venerable sind, wie ich aus dem Bericht ersehe, nach den neuesten technischen Grundsätzen konstruiert und armiert. Sind alle modernen siebenundzwanzig Panzer bei der Kanalflotte?“
„Nein, der Albion, der Ozean und die Glory sind auswärts. Die zwölf neuesten Panzer, die Eure Herrlichkeit nannte, sind beiden Kanalflotten eingereiht. Aber auch mehrere ältere Schlachtschiffe, wie Centurion, Royal Sovereign, Empreß of India, sind im Kanal. Ich darf wohl sagen, daß die beiden Kanalflotten völlig geeignet für ihre Aufgaben sind. Wir haben vierundzwanzig ältere Panzer, die aber sämtlich von ausgezeichnetem Werte für das Gefecht sind.“
„Von diesen älteren Panzern sind viele noch mit Vorderladern ausgerüstet.“
„Allerdings. Aber ob die allgemeine Annahme, Hinterlader seien gefechtstüchtiger, durchaus richtig ist, kann erst eine Seeschlacht erweisen. Bei Schnellfeuergeschützen ist es ja gewiß, daß der Hinterlader die allein richtige Konstruktion ist, aber bei unseren schwersten Geschützen, die ein Kaliber von 30,5 Zentimeter haben und eine Zeit von drei bis vier Minuten beanspruchen, um geladen zu werden, kommen die Vorteile des Schnellfeuers überhaupt nicht in Frage, sondern hier kommt es auf das genaue Zielen an, damit das wuchtige Geschoß an die richtige Stelle schlägt. Und hierzu ist ein geschicktes Manövrieren von der größten Wichtigkeit. Außerdem zeigen uns die Kämpfe vor Port Arthur die große Bedeutung des Torpedos und der Mine. Die russische Flotte hat ihre schwersten Verluste durch das gewandte Manövrieren und den überlegenen Torpedogebrauch der Japaner erlitten. Es scheint, als ob überhaupt in modernen Seeschlachten der Artilleriekampf gegen den Minenkrieg zurücktreten sollte, und da wird sich unsere Ueberlegenheit an Unterseebooten beim Angriff auf die in den Häfen liegenden Flotten Deutschlands und Frankreichs zeigen. Erst eine Seeschlacht zwischen unseren Geschwadern und denen der Franzosen und Deutschen kann eine Lehre für den richtigen Gebrauch moderner Kriegsschiffe sein. Und es wird eine Lehre werden, eine Lehre für die Unbesonnenen, die es wagen werden, sich dem Feuer einer britischen Breitseite und dem Angriff unserer Torpedoboote und Unterseeboote auszusetzen. Mögen die Panzerungen sein, wie sie wollen: der beste Panzer Großbritanniens ist die feste, treue Brust der Briten.“
„Ich kann, wenn ich solche Erklärungen höre,“ warf der Kolonialminister ein, „mich des Verdachtes nicht erwehren, daß der ganze Plan der Flottenverwendung falsch ist.“
„Ich bitte um Begründung dieses Verdachtes,“ erwiderte der Lord der Admiralität etwas gereizt.
„Von jeher ist gesagt worden, daß England die Oberherrschaft zur See hätte. Nun währt der Krieg schon eine ganze Zeit, und ich merke nichts von unserer Oberherrschaft.“