„In dieser Beziehung dürfte die Promptheit des russischen Verfahrens doch kaum zu übertreffen sein. Aber ich gebe zu, daß Ihre Bedenken sehr berechtigt sind. Danach verbliebe mir also nur noch der Weg nach Norden.“

„Ja, Sie müßten mit einem leerfahrenden Zuge oder mit einem Transport englischer Gefangener bis zum Kaiberpaß fahren, dann zu Pferd durch Afghanistan bis an die Grenze, und von dort wiederum mit der Bahn bis Krasnowodsk reisen. Weiter würde die Route über das Kaspische Meer nach Baku oder mit der Eisenbahn über Tiflis nach Poti am Schwarzen Meer und dann zu Schiff nach Konstantinopel gehen. Aber, mein lieber Kamerad, das ist eine sehr lange, beschwerliche Reise.“

„Ich muß es dennoch versuchen. Es handelt sich um ein Gebot der Ehre, und Sie sagen ja selbst, daß es keinen anderen Weg als den von Ihnen bezeichneten gibt.“

„Gut! — So werde ich für einen Paß sorgen und von dem General eine Vollmacht für Sie erbitten, die Sie in den Stand setzt, auf unserer Etappenstraße durch Afghanistan jederzeit Kosaken zu Ihrer Begleitung zu erhalten. — Aber —“ und das Aufleuchten in seinem Gesicht verriet, daß ihm eine nach seinem Dafürhalten sehr glückliche Idee gekommen sei — „ließe sich nicht doch vielleicht ein Ausweg finden, der Ihnen all’ diese ungeheuren Strapazen erspart? Die Deutschen und Russen sind Alliierte. Auch in den Reihen unserer Armee würden Sie Ihrem Vaterlande dienen. Und ein Offizier, der Indien so gut kennt, wie Sie, wäre für uns in diesem Augenblicke von großem Wert. Wenn Sie wollen, spreche ich noch in dieser Stunde mit dem General. Und ich bin gewiß, daß er keinen Augenblick zögern wird, Sie mit dem Range, den Sie in der deutschen Armee bekleiden, seinem Stabe zu attachieren.“

Gerührt schüttelte Heideck dem Freunde die Hand.

„Sie machen es mir schwer, Ihnen nach Verdienst zu danken. Ohne Ihr Eingreifen hätte mein Dasein einen sehr ruhmlosen Abschluß gefunden, und was Sie mir da vorschlagen, ist mir ein neuer Beweis Ihrer liebenswürdigen Teilnahme an meinem Geschick. Aber Sie zürnen mir nicht, wenn ich ablehne — nicht wahr? Gewiß würde es mir eine Ehre sein, in Ihrer ausgezeichneten Armee zu dienen. Aber Sie sehen ein, daß ich nicht nach Belieben über mich verfügen darf, sondern als Soldat auf meinen Posten zurückkehren muß, gleichviel, welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden sind. Ich bitte Sie — — aber, mein Gott, was ist denn das? Können in diesem Lande der Wunder selbst die Toten wieder lebendig werden?“

Das Erstaunen, das ihm diese Frage eingegeben, war sehr natürlich, denn das magere, schwarzbraune Männchen, das soeben im Eingang des Zeltes erschien, war niemand anders als sein totgeglaubter treuer Diener Morar Gopal. Um seine Stirn trug er einen frischen Verband. Einen Augenblick blieb er wie gebannt in der Zelttür stehen, und in seinen dunklen Augen spiegelte sich die Freude darüber, seinen Herrn unverletzt wiedergefunden zu haben.

In tiefster Erregung stürzte Morar Gopal auf Heideck zu, warf sich zur Erde, um nach Hindusitte den Boden mit der Stirn zu berühren, und sprang dann mit allen Anzeichen der größten Freude wieder auf die Füße.

Heideck aber war kaum weniger bewegt als er und drückte dem treuen Burschen kräftig die braune Hand.