Wohl ein halbes Hundert kleinerer Zelte war für die Aufnahme des Gefolges und der Dienerschaft bestimmt. Hinter ihnen aber lagerte eine ganze Herde von Kamelen und Elefanten, die das Gepäck und das Material für die Zelte getragen hatten. Das Blöken zahlloser Hammel mischte sich in das hundertstimmige Lärmen der geschäftig hin- und herlaufenden Inder, und Heideck schätzte die Zahl der Buckelochsen und mit Kampierleinen gefesselten Pferde, die neben dem Lager weideten, auf mehr als dreihundert.
Der Maharadjah von Sabathu betrachtete die Russen, die auf seine Einladung hier Rast gemacht, als seine Gäste, und er übte die Pflichten der Gastfreundschaft mit echt indischer Freigebigkeit. Er ließ den Soldaten so viele Hammel und anderen Proviant zur Verfügung stellen, daß sie sich daran für manche früher ausgestandene Entbehrung überreich schadlos halten konnten. Die Offiziere aber wurden feierlich zu dem in seinem Zelte veranstalteten Festmahl eingeladen.
Heidecks Erwartung, bei dieser Gelegenheit den Maharadjah von Chanidigot wiederzusehen und vielleicht eine Möglichkeit zur Aussprache mit ihm zu finden, wurde allerdings gründlich getäuscht.
Als er von seinem Rundgang durch das Zeltlager, bei dem er nirgends eine Spur von Edith gefunden, in das russische Biwak zurückkehrte, erfuhr Heideck aus dem Munde des Fürsten Tschadschawadse, daß der Maharadjah von Chanidigot auf seinem heutigen Jagdausfluge einen leichten Unfall erlitten habe und sich in seinem Zelte, wohin man ihn eben gebracht, unter ärztlicher Behandlung befinde.
Es hieß, daß die Hauer eines Ebers, der seinem Pferde zwischen die Beine gerannt war, ihn empfindlich am Fuße verwundet hätten, und es war jedenfalls gewiß, daß er heute für niemanden mehr sichtbar werden würde.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Heideck auch, welchen Umständen man die Begegnung mit den beiden indischen Fürsten zu danken habe.
Der Maharadjah von Chanidigot, dem es sehr wohl bekannt war, daß die Engländer ihn wegen Hochverrats zum Tode verurteilt hatten, war aus seiner Residenz geflohen. Mit hundert Reitern und vielen Kamelen, die den wertvollsten Teil seiner beweglichen Schätze trugen, war er im Rücken der vordringenden russischen Armee aus dem Bereiche der britischen Macht nordwärts gezogen. Er hatte seinen Freund, den ebenfalls mohammedanischen Maharadjah von Sabathu, besucht, und beide Fürsten hatten sich zu ihrer größeren Sicherheit hierher an den Fuß des Gebirges begeben, wo sie einstweilen trotz der aufgeregten Zeiten mit der Sorglosigkeit echter Grandseigneurs den Jagdvergnügungen oblagen.
Wahrscheinlich würde der verräterische Despot von Chanidigot es vorgezogen haben, direkt nach Simla zu gehen, und nur die auch den Russen zugekommene Nachricht, daß in Ambala noch englische Truppen ständen, mochte ihn veranlaßt haben, auf halbem Wege Halt zu machen.
War doch auch Fürst Tschadschawadse durch diese Kunde bestimmt worden, die beabsichtigte Route über Ambala zu verlassen und in gerader Linie durch das Dschungel vorzurücken. So konnte er aller Voraussicht nach Simla ohne Kampf erreichen, konnte aber auch, wenn sich feststellen ließ, daß die Besatzung von Ambala nicht sehr stark war, die Engländer überraschend von Norden her angreifen. In Friedenszeiten bildete Ambala ja eines der größeren Kantonnements, jetzt aber ließ sich wohl vermuten, daß die Hauptmasse der dort stehenden Truppen nach Lahore herangezogen worden war. —
Der ganze Luxus einer indischen Hofhaltung wurde bei dem Festmahle des Maharadjah entfaltet. An der mit rotem Samt gedeckten, verschwenderisch mit goldenen und silbernen Gefäßen bestellten Tafel saßen die russischen Offiziere in bunter Reihe mit den vornehmen Begleitern der beiden Fürsten. Man speiste vortrefflich, und der Champagner floß in unerschöpflichen Mengen. Die Russen ließen sich nicht lange zum Trinken nötigen, aber auch die mohammedanischen Inder standen in diesem Punkte kaum hinter ihnen zurück. Allerdings war ihnen ja der Weingenuß durch die Satzungen ihrer Religion verboten; aber man wußte dies Gebot in Bezug auf den Champagner dadurch zu umgehen, daß man ihn auf den harmlosen Namen ‚Brauselimonade‘ taufte, eine Umschreibung, die seiner anfeuernden Wirkung natürlich nicht den geringsten Abbruch tat. Die gegen den Alkohol weniger widerstandsfähigen Inder waren vielmehr durchweg viel schneller berauscht als ihre neuen europäischen Freunde. Und es konnte nicht ausbleiben, daß unter dem Einfluß des erheiternden Trankes bald eine allgemeine Verbrüderung eintrat.