Der Maharadjah selbst hielt eine blumenreiche Rede zum Preise der russischen Sieger, die als langersehnte Befreier Indiens vom britischen Joche gekommen seien. Allerdings mußte er selbst sich dabei der verhaßten englischen Sprache bedienen, der einzigen, deren er außer seiner Muttersprache einigermaßen mächtig war, und Fürst Tschadschawadse mußte seine Worte ins Russische übertragen, damit sie allen Gefeierten verständlich wurden.
Trotz dieses etwas umständlichen Verfahrens aber weckten sie eine flammende Begeisterung, und es kam bis zu Umarmungen und brüderlichen Küssen.
Als die allgemeine Fröhlichkeit ihren Gipfel erreicht hatte, erschienen zwei Bajaderen, die zum Hofhalt des Maharadjah von Sabathu gehörten, indische Schönheiten, deren weibliche Reize wohl auch das Blut verwöhnter Europäer in Wallung bringen konnten. In goldschimmernde Röcke und Jäckchen gekleidet, die um die Taille eine Handbreit der hellbraunen Haut frei ließen, mit Goldmünzen auf dem blauschwarzen Haar, führten sie auf einem inmitten des Zeltes ausgebreiteten Teppich zu dem eintönigen Klang seltsamer Musikinstrumente ihre Tänze aus. Die bloßen Arme, die Knöchel und Zehen ihrer kleinen, nackten Füße waren mit perlenbesetzten Goldreifen und juwelenfunkelnden Ringen geschmückt. Und wenn auch ihre Bewegungen nichts von der bacchantischen Wildheit anderer Nationaltänze hatten, so war das anmutige Spiel der schlanken, geschmeidigen Glieder doch verführerisch genug, um das Entzücken der Zuschauer zu erregen. Die Inder warfen den Tänzerinnen Silbermünzen zu, die Russen aber klatschten nach heimischer Sitte Beifall und wurden nicht müde, in stürmischen Zurufen eine Wiederholung zu verlangen.
Einer nur blieb verstimmt und sorgenvoll inmitten der allgemeinen Ausgelassenheit. Und dieser eine war Heideck, der jüngste Rittmeister der russischen Armee.
Er wußte, daß es der Schlauheit Morar Gopals ein leichtes sein würde, ihn zu finden, falls er ihm etwas zu melden hatte. Und daß der Hindu nicht erschien, war ihm ein entmutigender Beweis, daß es dem Diener bisher nicht gelungen sei, Ediths Verbleib zu ermitteln oder sich Gewißheit über ihr Schicksal zu verschaffen.
Was half es ihm, daß er sich in unablässigem Grübeln bereits einen Plan zu ihrer Befreiung zurechtgelegt hatte, wenn es keine Möglichkeit gab, sich mit ihr in Verbindung zu setzen!
In der Annahme, daß sie in einem Haremszelte gefangen gehalten würde, hatte er beabsichtigt, Morar Gopal mit einem Briefe zu ihr zu schicken, fest überzeugt, daß es dem verschlagenen Inder durch List und Bestechung möglich werden würde, zu ihr zu gelangen. Er hatte schon vor der Tafel mit einem der indischen Radjahs wegen des Ankaufs eines Ochsenwagens verhandelt, und wenn sich Edith durch seinen Brief zu einem Fluchtversuch bewegen ließ, dürfte es nach seinem Dafürhalten nicht allzu schwierig sein, sie unter Morar Gopals Schutze nach Ambala zu bringen, wo sie sich wieder bei englischen Landsleuten befand.
Aber dieser Plan blieb gegenstandslos, so lange er nicht einmal wußte, wo Edith sich befand. Und unfähig, diesen martervollen Zustand der Ungewißheit länger zu ertragen, war er eben im Begriff, das Zelt zu verlassen, um auf jede Gefahr hin selbst nach dem geliebten Weibe zu forschen, als ein russischer Dragoner hinter seinen Stuhl trat und ihm in dienstlicher Haltung meldete, daß eine Dame den Herrn Rittmeister draußen vor dem Zelte erwarte.
Von der beseligenden Hoffnung erfüllt, daß es Edith sein könnte, sprang er auf und eilte hinaus. Aber sein sehnsüchtiger Blick suchte vergebens nach Kapitän Irwins Witwe. Er gewahrte statt ihrer ein schlankes, weibliches Wesen in dem kurzen Jäckchen und dem fußfreien, bunten Rock, den er auf seinen Reisen bei den georgischen Bergbewohnerinnen gesehen hatte. Haar und Gesicht des Mädchens waren fast ganz unter einem verhüllenden Kopftuche verborgen. Und erst, als sie dasselbe bei seiner Annäherung ein wenig zurückschob, erkannte er, wen er vor sich habe.
„Georgij — du hier!“ rief er überrascht. „Und in solcher Kleidung?“