Damit war sie verschwunden, ehe noch Heideck eine weitere Frage hatte tun können. Und so wenig er sich auch nach dem eben Erlebten aufgelegt fühlen mochte, in den nachgerade ziemlich wüst gewordenen Lärm des Banketts zurückzukehren, sah er doch ein, daß ihm kaum etwas anderes übrig blieb, da eine Einmischung in die ihm unbekannten Pläne der Cirkassierin schwerlich von irgend welchem Nutzen für Edith gewesen wäre.
Aber wenn ihm die Viertelstunden schon vorher schier endlos erschienen waren, so schlichen sie jetzt vollends mit unerträglicher Langsamkeit dahin. Er sah und hörte kaum noch etwas von dem, was um ihn her geschah. Der neben ihm sitzende Radjah mühte sich vergebens, in seinem gebrochenen Englisch eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, und überließ endlich kopfschüttelnd den schweigsamen Fremdling seinen Grübeleien, die inmitten dieser hochgehenden Fröhlichkeit für ihn allerdings etwas sehr Verwunderliches haben mußten.
Kurz vor Mitternacht, noch ehe Fürst Tschadschawadse und die übrigen Kameraden an den Aufbruch dachten, verließ Heideck abermals das Prunkzelt des Maharadjah und lenkte seine Schritte dem durch den rötlichen Schein der Biwakfeuer weithin kenntlich gemachten russischen Lager zu, in welchem ebenfalls noch die lauteste Lustigkeit herrschte.
Er hegte im Grunde sehr wenig Hoffnung, daß die Cirkassierin ihr kühnes Versprechen eingelöst habe; denn was sie da auf sich genommen hatte, mußte ihm ja so gut wie unausführbar erscheinen. Aber sein Herz klopfte doch in ungestümen Schlägen, als er die Leinwand zurückschlug, die den Eingang des ihm zugewiesenen Zeltes verschloß.
Auf dem Klapptisch inmitten des kleinen Raumes standen neben einer brennenden Laterne zwei angezündete Kerzen. Und bei ihrem Schein erblickte Heideck — nicht Edith Irwin, wohl aber den schönsten jungen Radjah, der ihm jemals unter Indiens strahlendem Himmel vor die Augen gekommen war.
Eine Sekunde lang stand er ungewiß; denn der tannenschlanke Jüngling in der von einer roten Schärpe umgürteten Seidenbluse, den englischen Reithosen und den zierlichen kleinen Stiefelchen hatte ihm den Rücken zugewandt, so daß er sein Gesicht nicht sehen konnte, und das Haar war vollständig unter dem Turban von rosa und gelb gestreiftem Seidenmusselin verborgen. Aber die glückselige Ahnung, die ihm zuflüsterte, wer in dieser anmutigen Verkleidung steckte, konnte unmöglich lügen. Mit zwei raschen Schritten war er an der Seite des feingliedrigen, indischen Jünglings, und überwältigt von einem Sturm leidenschaftlicher Empfindungen, schloß er ihn im nächsten Augenblick, alle Rücksichten und trennenden Schranken vergessend, mit einem jauchzenden Jubelruf in seine Arme.
„Edith! — Meine Edith!“
„Mein geliebter Freund!“
Was weder in den Stunden traulichen Alleinseins noch in den Augenblicken der gemeinsam bestandenen höchsten Gefahr über ihre Lippen gekommen war, in der überschwenglichen Wonne dieses Wiedersehens drängte es sich unaufhaltsam aus ihren Herzen: das Geständnis einer Liebe, die für sie längst den ganzen Inhalt ihres Lebens ausmachte.