[XXI.]
Es währte lange, bis die beiden Liebenden ruhig genug geworden waren, sich gegenseitig die Erklärungen zu geben, die ihnen das volle Verständnis der letzten, fast märchenhaften Ereignisse und Fügungen erschlossen.
Heideck verlangte natürlich vor allem, zu wissen, wie es möglich gewesen war, daß Edith sich hatte entführen lassen, ohne Lärm zu schlagen und den Beistand ihrer Umgebung in Anspruch zu nehmen. Was sie ihm erzählte, war der ergreifendste Beweis ihrer Liebe zu ihm. Die Kreaturen des Maharadjah mußten auf irgend eine Weise Kenntnis von Heidecks Verhaftung und Verurteilung erhalten haben, und sie hatten nicht vergebens auf Ediths Anhänglichkeit an ihren Lebensretter gerechnet.
Man erklärte ihr, daß ein einziges Wort des Maharadjah hinreichen würde, den tollkühnen Deutschen zu vernichten, und daß sie nur dann eine Hoffnung hegen dürfe, ihn vor dem Aeußersten zu bewahren, wenn sie Seine Hoheit persönlich um Gnade für ihn bäte. Obwohl sie keinen Zweifel darüber hegte, welche schändliche Absicht sich hinter allem verbarg, hatte Edith in ihrer Herzensangst um das Leben des geliebten Mannes nicht gezögert, den Leuten zu folgen, die sie zum Maharadjah zu führen versprochen, und die sich in heuchlerischen Versicherungen erschöpften, daß ihr kein Leid widerfahren würde. Sie hatte so viele Beweise für die Rachsucht und Grausamkeit dieses indischen Despoten erhalten, daß sie von seinem Haß das schlimmste für Heideck befürchtete und daß sie entschlossen war, im schlimmsten Fall, wenn nicht ihre weibliche Ehre, so doch ihr Leben für seine Errettung zu opfern.
Der Maharadjah hatte sie mit großer Zuvorkommenheit empfangen und ihr versprochen, seinen Einfluß zu Gunsten des als Spion und Verräter von den Russen gefangen genommenen Deutschen geltend zu machen. Aber er hatte zugleich ziemlich deutlich durchblicken lassen, welchen Preis er dafür verlangen würde, und er hatte sie von dem Augenblick an, wo sie selbst sich in seine Hände geliefert, wie eine mit großem Respekt aber zugleich mit noch größerer Wachsamkeit behandelte Gefangene gehalten. Jeder Verkehr mit anderen Personen als der indischen Dienerschaft des Maharadjah war ihr vollständig abgeschnitten worden, und sie hatte sich keiner Täuschung darüber hingegeben, welches Los ihrer warte, sobald der Fürst sich in irgend einem von den kriegerischen Ereignissen unberührten Gebirgsnest wieder ganz sicher wußte.
Wohl hatte sie sich in dieser Gewißheit beständig mit dem Gedanken an Flucht getragen; aber die Furcht, damit das Schicksal ihres unglücklichen Freundes zu besiegeln, hatte sie noch mehr als das immer rege Mißtrauen ihrer Wächter von der Ausführung zurückgehalten.
Um so überschwenglicher war die Freude gewesen, als an diesem Abend Morar Gopal in Begleitung der Cirkassierin in dem Frauenzelte erschienen war, um sie von den fast unerträglichen Qualen der Ungewißheit über Heidecks Geschick zu erlösen.
Den Zutritt zu der sonst so sorgsam gehüteten Gefangenen hatte der schlaue Hindu sich und seiner Begleiterin dadurch zu verschaffen gewußt, daß er den wachehaltenden Indern vorlog, der Maharadjah habe das in seiner Gesellschaft befindliche Mädchen zur Dienerin für die englische Dame bestimmt. Mit wenigen geflüsterten Worten hatte er Edith von allem unterrichtet, was ihr für den Augenblick zu wissen not tat. Und nachdem er sich zurückgezogen, hatte niemand in ihrer Umgebung etwas Auffälliges darin gefunden, daß sie eine Weile mit der neuen Dienerin allein zu bleiben wünschte. Dies Alleinsein aber hatte sie benutzt, um mit Hilfe der Cirkassierin die von ihr in einem Paket mitgebrachten leichten indischen Männerkleider anzulegen. Die Wachen, durch den Genuß von Spirituosen berauscht, hatten den schlanken, jungen Radjah, in den sie sich verwandelt, unbehelligt fortgehen lassen, und Morar Gopal, der sie an einem verabredeten Ort in der Nähe erwartete, hatte sie zu dem Zelte Heidecks geführt, wo sie sich — für den Augenblick wenigstens — als in Sicherheit betrachten durfte.