„Aber Georgij?“ fragte der Hauptmann nicht ohne Besorgnis. „Sie ist in dem Frauenzelt des Maharadjah zurückgeblieben? Wie nun, wenn man entdeckt, welchen Anteil sie an deiner Flucht gehabt?“
„Dieser Gedanke quälte auch mich. Aber das heldenmütige Mädchen versicherte mir immer wieder, daß sie schon Gelegenheit finden würde, sich aus dem Staube zu machen, und daß sie in keinem Fall etwas zu fürchten hätte, sobald sie sich auf den Fürsten Tschadschawadse beriefe.“
„Das dürfte allerdings zutreffen. Aber es stimmt schlecht zu ihrem Verlangen, die Tatsache ihrer Anwesenheit im Lager vor dem Fürsten als ein Geheimnis zu bewahren. Ueberhaupt ist mir das Benehmen des Mädchens völlig rätselhaft. Ich begreife nicht, was sie veranlassen konnte, sich mit so bewunderungswürdiger Selbstlosigkeit für uns zu opfern, die wir für sie doch eigentlich nur gleichgültige Fremde sind. Die Aussicht auf eine Belohnung war es sicherlich nicht, die sie dazu bestimmte. Denn sie hat den ganzen Stolz ihres Stammes, und ich bin gewiß, daß sie jedes derartige Anerbieten als eine Beleidigung empfinden würde.“
„So glaube auch ich. Aber ich bin vielleicht nicht so sehr weit davon entfernt, ihre wahren Beweggründe zu erraten.“
„Und willst du mir nicht offenbaren, was du vermutest?“
Edith zauderte ein wenig; aber sie gehörte nicht zu den Frauen, die eine kleinliche Regung die Oberhand gewinnen lassen in ihrem Herzen.
„Ich vermute, mein Freund, daß sie dich liebt,“ sagte sie mit einem kleinen, reizenden Lächeln. „Einige unbedachte Aeußerungen und das Feuer, das in ihren Augen aufleuchtete, sobald wir von dir sprachen, haben es mir fast zur Gewißheit gemacht. Daß sie trotzdem ihre Hand dazu bot, mich zu befreien, ist unter diesen Umständen gewiß ein um so größerer Beweis ihres hochsinnigen Charakters. Aber ich begreife es vollkommen. Ein liebendes Weib, wenn von Natur edel veranlagt, ist jeder Selbstverleugnung fähig.“
Heideck schüttelte den Kopf.
„Ich glaube doch, daß dein Scharfblick dich diesmal im Stich gelassen hat,“ widersprach er. „Sie ist meiner festen Ueberzeugung nach die Geliebte des Fürsten Tschadschawadse, und nach allem, was ich von ihrem Verkehr gesehen habe, halte ich es für ganz undenkbar, daß sie ihm um eines Fremden willen, mit dem sie kaum hundert gleichgültige Worte gewechselt, die Treue brechen sollte.“