„Nun, wir werden ja vielleicht noch Gelegenheit haben, festzustellen, ob ich mich in einem Irrtum befinde oder nicht. Jetzt, mein Freund, möchte ich vor allem wissen, was du weiter über mich beschlossen hast.“

Heideck war in einiger Verlegenheit, ihr darauf zu antworten, und er sprach zögernd von seiner Absicht, sie mit Morar Gopal nach Ambala zu schicken. Edith aber ließ ihn nicht ausreden. Mit einer entschieden verneinenden Geberde fiel sie ihm in die Rede.

„Fordere von mir, was du willst — nur nicht, daß ich dich noch einmal verlasse! Was sollte ich in Ambala ohne dich? Ich habe so Unsägliches gelitten, seit man dich in Anar Kali vor meinen Augen weggeführt, daß ich tausendmal eher sterben will, ehe ich mich noch einmal der Folter solcher Ungewißheit aussetze.“

Ein Geräusch hinter seinem Rücken veranlaßte Heideck, den Kopf zu wenden. Er sah, daß sich der Türvorhang des Zeltes ein wenig lüftete und daß es Morar Gopal gewesen war, der durch ein diskretes Räuspern seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht hatte.

Mit freundlichem Zuruf veranlaßte er den treuen Burschen, vollends einzutreten, und der Dank, den er ihm aussprach, war nicht mehr die herablassende Anerkennung, die der Herr seinem geschickten Diener spendet, sondern der Dank eines Freundes.

Das Mienenspiel des Hindu verriet, wie glücklich ihn die Güte seines abgöttisch von ihm verehrten Herrn machte; aber nicht für einen einzigen Augenblick änderte er seine demütig bescheidene Haltung. Und ehrerbietig wie immer sagte er:

„Ich bringe gute Neuigkeiten, Sahib! Einer vom Gefolge des Maharadjah, den ich durch einige deiner Rupien gesprächig gemacht habe, hat mir erzählt, daß der Maharadjah von Sabathu den Russen vierzig Reiter mitgeben werde, die ihnen die besten Wege nach Simla zeigen sollen. Dies Land hier steht ja unter seiner Herrschaft, und seine Leute kennen bis hoch ins Gebirge hinauf jeden Winkel. Wenn die Lady sich morgen in der Tracht eines Radjah diesen Reitern anschließt, wird sie gewiß unbehelligt von hier entkommen.“

Die Trefflichkeit und Ausführbarkeit dieses Planes leuchtete ohne Weiteres ein, und Heideck erkannte aufs neue, welchen Schatz ihm ein gütiger Zufall mit diesem indischen Boy beschert hatte. Auch Edith erklärte sich einverstanden, da sie sah, wie freudig Heideck dem Vorschlage zustimmte, wenngleich die Aussicht, sich am hellen Tage und vor aller Welt in dieser Männerkleidung zeigen zu müssen, ihr weibliches Empfinden peinlich berührte.

Sie fragte Morar Gopal, ob er inzwischen etwas von Georgij gehört habe, und der Hindu nickte.