„Ich sprach sie vor einer halben Stunde. Sie ist glücklich aus dem Frauenzelt des Maharadjah entkommen und war eben im Begriff das Lager zu verlassen.“
„Wie?“ rief Heideck verwundert. „Wohin in aller Welt wollte sie sich denn wenden?“
„Ich weiß es nicht, Sahib. Sie war sehr traurig, aber als ich sie bat, mich zu dem Sahib zu begleiten, sagte sie, daß sie ihn und die Lady nicht wiedersehen wolle; sie entbietet dem Sahib ihren Gruß und bittet ihn, seines Versprechens eingedenk zu bleiben, daß er dem Fürsten Tschadschawadse nichts von ihrem Hiersein verraten wolle.“
Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Das Benehmen dieses seltsamen Mädchens gab ihnen Rätsel auf, die sie vorläufig nicht zu lösen vermochten. Aber es war natürlich und menschlich, daß sie über ihren eigenen Angelegenheiten die Cirkassierin sehr rasch vergaßen.
Edith mußte sich damit einverstanden erklären, daß Heideck ihr für den Rest der Nacht sein Zelt überließ, während er selbst die wenigen Stunden bis zum Tagesanbruch an einem der Biwakfeuer verbringen wollte. Morar Gopal aber sollte sein Lager vor dem Eingang des Zeltes aufschlagen, und Heideck war gewiß, daß er sein köstliches Kleinod keinem treueren Hüter anvertrauen konnte.
Das Schicksal, das die beiden Liebenden auf eine so wunderbare Weise wieder vereinigt hatte, zeigte sich ihnen auch weiter günstig. In aller Frühe des folgenden Tages hatte Heideck ohne große Schwierigkeit einen fertig gezäumten zierlichen Braunen für Edith erstanden, und als sich der Trupp der indischen Reiter, die den Russen als Führer und Kundschafter dienen sollten, in Bewegung setzte, gesellte sich der knabenhafte junge Radjah ihnen zu, ohne daß irgend jemand seine befremdliche Erscheinung zum Anlaß zudringlicher Fragen genommen hätte. Die Inder hielten ihn wahrscheinlich zunächst für einen blutjungen russischen Offizier, den besondere Gründe bestimmt hatten, die Tracht des Landes anzulegen, und bewahrten deshalb eine durchaus respektvolle Haltung. Fürst Tschadschawadse aber, den vor dem Aufbruch einmal der Zufall in Ediths unmittelbare Nähe geführt hatte, sagte kein Wort, obgleich er sie wohl eine Minute lang scharf ins Auge faßte.
Daß von seiten des Maharadjah von Chanidigot nichts geschah, um den schönen Flüchtling wieder in seine Gewalt zu bringen, erklärte sich leicht genug aus den schlechten Nachrichten über sein Befinden, die im Lager von Mund zu Mund gingen. Er wurde, wie es hieß, vom Wundfieber und von heftigen Schmerzen gepeinigt, so daß ihm wohl in der Tat jedes Interesse an der Außenwelt vergangen sein mochte. — —
Das russische Detachement ging nach herzlicher Verabschiedung von den indischen Gastfreunden weiter in das Hügelland hinein, und schon am Nachmittage brachten ausgesandte Kundschafter dem Fürsten Tschadschawadse die Meldung, daß die Engländer Ambala vollständig geräumt und den Marsch nach Delhi angetreten hätten. Wahrscheinlich hatte man die Stärke der russischen Abteilung, von deren Anmarsch man gehört hatte, in Ambala weit überschätzt und es deshalb vorgezogen, einem voraussichtlich aussichtslosen Kampfe aus dem Wege zu gehen.