Edith wußte sich mit frauenhafter Gewandtheit in unauffälliger Weise in der Nähe Heidecks zu halten, so daß beide oft Gelegenheit fanden, miteinander zu plaudern. Ihre zarte, weiße Farbe mußte wohl auffallen unter den braunen Gesichtern, aber der Wille und die Launen russischer Offiziere mußten respektiert werden, und so schien niemand zu wissen, daß eine englische Dame im Kostüm eines Radjah bei der Truppe sei. Uebrigens dauerte der Marsch nicht mehr lange. Das Jagdlager war nur zweihundertfünfzig Kilometer von Simla entfernt, unterhalb des Ortes Kalka gelegen. Noch einmal wurde übernachtet, und am andern Morgen traf die Kolonne vor Simla ein und fand Jutogh, das hochgelegene britische Kantonnement westlich der weitausgedehnten Hügelstadt, von den Truppen geräumt.
Fürst Tschadschawadse legte seine Infanterie und Artillerie in die englischen Baracken und marschierte mit den Reitern in den halbmondförmigen, sogenannten Bazar ein, die eigentliche Stadt, die von zahlreichen, auf den Hügeln und in Gartenanlagen verstreuten Villen umgeben war. Er entsandte sogleich Offizierspatrouillen nach dem Stadthause, den Bureaus der Regierung und des Oberbefehlshabers und begab sich selbst zum Gouvernementshause, einem schönen Palast am Observatoriumshügel.
Simla war trotz des Frühlings wie im Winterschlaf, verlassen von der bewegten glänzenden Gesellschaft, die zur Sommerzeit, wenn die unerträgliche feuchte Wärme den Vizekönig von Kalkutta vertrieb, die prächtigen Täler und Höhen mit ihren Pferden und Wagen, mit ihren Spielen, Gesellschaften und eleganten Toiletten belebte. Nur Dienerschaft zur Bewachung und Instandhaltung der Gebäude und die angesessene Bevölkerung waren anwesend, weil der Krieg die englische Gesellschaft fern hielt. Etwa 2500 Meter über dem Spiegel des indischen Ozeans steigen die Hügel an und häufige Regenschauer machten das Klima hier oben so rauh, daß Heideck im Mantel ritt und auch Edith vorgezogen hatte, sich einen Dragonermantel umzuhängen, um sich gegen die Kälte zu schützen.
Die Offiziere hatten den Auftrag, in den Regierungsgebäuden nach wichtigen Aktenstücken und sonstigen Papieren zu suchen, die von der englischen Regierung in Simla zurückgelassen sein konnten und die für die russische Regierung von Wichtigkeit waren.
Heideck sollte die in sieben eleganten Blocks befindlichen Bureaus der Regierung durchsuchen, vor allem aber die für den Oberbefehlshaber, den Generalquartiermeister und die Generaldirektion der Eisenbahn, Posten und Telegraphen bestimmten Gebäude.
Er stieß überall nur auf untergeordnete Beamte, aber zuletzt im Bureau des Judge Advocate General fand er einen bejahrten, würdevollen Herrn, der so ruhig in seinem Lehnsessel saß, daß Heideck unwillkürlich an Archimedes erinnert wurde, als ihn die römischen Krieger bei seinen Berechnungen überraschten.
Der alte Herr richtete aus seinen großen, gelblich gefärbten Augen einen durchdringenden Blick auf den eintretenden Offizier und die ihm folgenden Soldaten. Aber er fragte nicht, was sie wollten, und machte nicht einmal eine ablehnende Bewegung. Heideck bat unter höflicher Verbeugung um Entschuldigung wegen seines ihm dienstlich vorgeschriebenen Verhaltens. Dies artige Benehmen schien den alten Herrn zu überraschen, er erwiderte den Gruß und sagte, es bliebe ihm ja nichts übrig, als sich allen Maßregeln zu unterwerfen, die von der Macht des Siegers verhängt würden.
„Da hier in diesen Räumen wohl nur juristische Bücher und Akten zu finden sind,“ sagte Heideck, „so brauche ich keine Nachforschungen anzustellen, denn es ist uns lediglich um militärische Dinge zu tun. Es würde mich freuen, wenn ich persönliche Wünsche Ihrerseits erfüllen könnte, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ich die Ehre habe, einen höheren Beamten vor mir zu sehen, den besondere Gründe veranlaßt haben, hier in Simla znrückzubleiben.“
„In der Tat,“ entgegnete jener, „meine Aerzte waren der Meinung, daß es meiner Gesundheit zuträglich sein würde, den Winter im Gebirge zuzubringen. Sie können sich denken, wie sehr ich es bereue, dem ärztlichen Rate gefolgt zu sein. Ich bin der Judge Advocate General Kennedy.“