Mr. Kennedy war höchst erstaunt, einen jungen Radjah eintreten zu sehen, und schien durch diese Maskerade nicht gerade angenehm berührt zu sein.
„Dies ist die Dame, von der Sie sprachen?“ fragte er befremdet. Aber sein ernstes Antlitz hellte sich merklich auf, als Edith mit ihrer schönen, weichen Stimme sagte:
„Eine Landsmännin, die diesem Herrn hier ihr Leben dankt, und die nur mit Hilfe dieser Verkleidung vor Schmach und Tod bewahrt geblieben ist.“
„Mrs. Irwin, wenn Sie sich entschließen, zu Mrs. Kennedy zu gehen,“ sagte Heideck, „so werde ich Ihr Gepäck in Mr. Kennedys Wohnung schaffen lassen. Ich entferne mich jetzt, um noch andere dienstliche Obliegenheiten zu erfüllen und werde später wiederkommen.“
„Auf jeden Fall nehme ich meine Landsmännin gern bei mir auf,“ versicherte der alte Herr. „Hier vom Fenster aus sehen Sie das Haus, das ich bewohne, und ich bitte Sie, mich zu besuchen, wenn Ihr Dienst beendigt sein wird.“
Erst als die Sonne sank, kam Heideck dazu, seinen Besuch bei Mr. Kennedy zu machen. Er stand einen Augenblick am Gartentor und sah die schneebedeckten Höhen im Feuer des Abendrots glühen. Lange Reihen von blauen Bergen türmten sich auf, höher und immer höher nach Norden hin, bis zuletzt die höchste Kette am fernen Horizont, von ewigen Gletschern umstarrt, in wunderbarem Glanze zum Himmel aufstieg.
Mr. Kennedy bewohnte eine sehr stattliche Villa. Heideck wurde von dem Hausherrn und den Damen so überaus freundlich empfangen, daß er Ediths warme Fürsprache nur zu deutlich herausfühlen mußte. Edith mußte wohl auch erzählt haben, daß er ein Deutscher sei. Sie war wieder in Frauentracht und hatte durch ihr offenes Wesen bereits alle Herzen gewonnen. Mrs. Kennedy war eine Matrone mit feinen, angenehmen Gesichtszügen und dem Benehmen einer Dame der großen Welt. Die mit Edith etwa gleichaltrige Tochter aber schien sich besonders innig an Edith angeschlossen zu haben.
Heideck saß mit der Familie am Kaminfeuer, und man bemühte sich, zu vergessen, daß er die Uniform des Feindes trug.
„Wenn wir es nur einrichten könnten,“ sagte Mrs. Kennedy, „Indien zu verlassen und nach England zurückzukehren. Mr. Kennedy wünscht in Kalkutta zu bleiben, um seiner Pflicht nachzukommen, aber er kann das Klima seines Leidens wegen nicht vertragen. Und wie könnten wir auch nach Kalkutta gelangen? Die einzige Möglichkeit wäre doch, ein russisches Dokument zu bekommen, das uns ungehinderte Reise verschafft.“
„O liebste Beatrice,“ widersprach ihr Mann, „ich weiß ja, daß du ebenso gut wie ich nicht an unser eigenes Schicksal denkst, jetzt, wo ein solches Unglück über unser Vaterland hereingebrochen ist. Was ist in diesem allgemeinen Unglück an unserm Geschick gelegen?“