„Ich sollte meinen,“ mischte sich Heideck höflich ein, „daß der Einzelne, selbst wenn er das Unglück der Allgemeinheit auch noch so schmerzlich empfindet, sich doch nicht zur Verzweiflung hinreißen lassen darf, sondern immer darauf bedacht sein muß, wie in ruhiger Zeit für sich und seine Familie zu sorgen.“
„Nein!“ rief Mr. Kennedy. „Diese internationale Weisheit kann ein Engländer nicht verstehen. Der Deutsche hat einen anderen Charakter, er wechselt leichter sein Vaterland, der Engländer nicht. Doch ich bitte um Entschuldigung,“ fuhr er sich besinnend fort. „Sie verletzten meine nationale Ehre, und ich vergaß die Situation in der wir uns befinden. Ich wollte Sie selbstverständlich nicht beleidigen.“
„Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagten,“ entgegnete Heideck ernst, „aber erlauben Sie mir eine Erklärung. Unser deutsches Vaterland ist in früheren Jahrhunderten immer der Schauplatz der Schlachten aller Völker Europas gewesen. Die meisten deutschen Fürsten kannten in jener Zeit kein deutsches Nationalgefühl und vertraten engherzige dynastische Interessen. So wuchs unser deutscher Volksstamm ohne das Bewußtsein eines großen gemeinsamen Vaterlandes heran. Unser deutsches Selbstgefühl ist nicht älter als Bismarck. Aber dadurch, daß wir fremde Völker und Sitten haben über uns ergehen lassen müssen, sind wir weitherzig und großzügig geworden. Unser religiöses Empfinden und unser Patriotismus umschließen einen weitern Kreis, als bei andern Völkern. Deshalb glaube ich, daß wir jetzt, da wir uns nun seit einem Menschenalter auch auf unsere materielle Kraft besinnen und uns politisch zusammengeschlossen haben, vermöge unserer universellen Bildung zur Weiterentwicklung der Kultur berufen sind, die den Engländern und Franzosen bis jetzt am meisten verdankte.“
Der alte Herr antwortete nicht sogleich. Er saß in Gedanken verloren da, und erst nach einer geraumen Weile sagte er:
„Man kann ja, wenn man will, den Standpunkt seiner Betrachtung immer höher schrauben. Es ist, wie wenn man die Berge dort hinaufsteigt. Von jeder höheren Bergkette aus wird der Rundblick umfassender, während die Einzelheiten des Panoramas immer mehr verschwinden. Natürlich, wenn man von einem so hohen Standpunkt herabsieht, schrumpfen alle politischen Interessen zu bedeutungslosen Nichtigkeiten zusammen, und dann gibt es keinen Patriotismus mehr. Aber ich meine, daß wir zunächst in dem Kreise zu wirken verpflichtet sind, in den wir nun einmal gestellt sind. Ein Mann, der seine Frau und seine Kinder vernachlässigt und mit seinen Ideen die Welt beglücken will, vernachlässigt den engsten Kreis seiner Pflichten. Sodann aber muß einem jeden Manne die Wohlfahrt des eigenen Volkes, des eigenen Staates das höchste Ziel seiner Bestrebungen sein, dann erst darf er, von der eigenen Nation ausgehend, seine Wünsche noch höher richten. Ich kann niemand achten, der sich vom Boden des Patriotismus entfernt, um auf politischem Gebiete Phantastereien zu treiben, für Weltfrieden zu schwärmen und alle Menschen Brüder zu nennen.“
„Und doch,“ sagte Edith, „ist dies die Lehre des Christentums.“
„Des theoretischen, nicht des praktischen,“ widersprach eifrig der Engländer. „Ich achte den alten Römer Cato, der sich das Leben nahm, als er die Freiheit des Vaterlandes schwinden sah. Und niemals wäre England groß geworden, wenn es nicht viele solcher Catone geboren hätte.“
„Mr. Kennedy, Sie proklamieren die Staatsidee der alten Griechen,“ sagte Heideck. „Aber ich glaube nicht, daß die alten Griechen wirklich den Staat so aufgefaßt haben, wie die modernen Professoren behaupten, und wie das alte Rom sie praktisch ausgeführt hat. Die Professoren pflegen Platon anzuführen, aber Platon war ein zu hoher Geist, um nicht einzusehen, daß der Staat doch aus lauter Menschen besteht. Platon betrachtete den Staat nicht als ein Götzenbild, auf dessen Altar der Bürger sich opfern müßte, sondern als eine Erziehungsanstalt. Er sagt, daß wirklich tugendhafte Bürger nur durch einen vernünftig eingerichteten Staat erzogen werden könnten, und deshalb sprach er so viel von der Bedeutung des Staates. Ein Staat ist ursprünglich nur die äußere Form, die sich das innere Leben der Nation auf natürliche Weise selbst geschaffen hat, und an dieser Auffassung sollte nicht gerüttelt werden. Der Staat soll die Massen erziehen, nicht nur zur Verwirklichung des Rechts, sondern auch des äußeren und inneren Wohls. Die Römer freilich scheinen nicht die Erziehung der tüchtigen Persönlichkeit nach Platons Idee zum Zweck des Staates gemacht zu haben, sondern sie waren modern wie die heutigen Großmächte, die das Ziel verfolgen, möglichst reich und mächtig zu werden. Wir Deutschen wollen das ja auch und führen deshalb jetzt Krieg, aber ich behaupte, daß dem deutschen Nationalcharakter doch etwas höheres innewohnt; es ist die Idee der Humanität! Mit unserer Nation gehen auch unsere Ideale zu Grunde, und darum kämpfen wir für unsere Machtstellung, um mit unserer nationalen Größe auch unsere Ideale zu schützen und zu sichern.“