Ein Diener trat ein und meldete, daß das Essen angerichtet wäre.

Das Gespräch verließ bei Tisch die Gebiete der Philosophie und Politik und wandte sich der Kunst zu. Die Damen bestrebten sich, den alten Herrn von seinen finstern Gedanken abzulenken und seine verzweifelte Stimmung zu heben. Elisabeth erzählte von den Konzerten, die in Simla und Kalkutta gegeben würden, und erwähnte dabei der großen technischen Schwierigkeiten, die das Musizieren in Indien böte, weil durch den Einfluß des Klimas die Instrumente so leicht verdürben. In der feuchten Luft der Seestädte quoll das Holz, im trockenen Mittelindien dagegen vertrocknete es, was namentlich den Violinen und Celli schadete, aber auch den Klavieren nachteilig wäre. Man konstruierte für die Tropen Klaviere, die nur Metall im Innern anstatt des Holzes hätten, aber diese hätten einen scharfen Klang und litten ebenfalls durch schroffen Temperaturwechsel.

Nach dem Diner setzte sich Elisabeth an den Flügel, und Heideck berührte es wohltuend, daß Edith eine so angenehme Altstimme und eine so gute Schulung hatte. Sie sang einige schwermütige englische und schottische Lieder.

„Seitdem ich England verlassen habe, habe ich nicht mehr gesungen,“ sagte sie bewegt.

Heideck hatte mit Entzücken der Musik gelauscht. Nach den schrecklichen Szenen der letzten Zeit gingen ihm die Melodieen um so tiefer zu Herzen, so daß seine Augen sich mit Tränen füllten. Und nicht die Musik allein war es, die ihn rührte, es war Ediths Seele, die durch die Macht der Musik zu ihm sprach.

„Was gedenken Sie zu tun, Mr. Kennedy?“ fragte er den alten Herrn. „Werden Sie in Simla bleiben und Mrs. Irwin bei sich behalten?“

„Ich habe es mir überlegt,“ entgegnete jener. „Ich werde nicht hier bleiben. Ich werde nach Kalkutta reisen, wenn ich kann. Es ist meine Pflicht, in Kalkutta auf meinem Posten zu sein.“

„Aber wie wollen Sie reisen? Wo die Eisenbahnen noch vorhanden sind, da sind sie von der Armee ausschließlich in Anspruch genommen. Bedenken Sie, daß Sie beide Armeen, die russische und die englische, passieren müßten. Sie müßten von Kalka nach Ambala, von dort über Delhi.“

„Wenn ich einen Passierschein bekäme, würde ich mit Wagen und Pferden nach Delhi reisen, und dort bin ich bei der englischen Armee. Können Sie mir einen Passierschein verschaffen?“

„Ich werde es versuchen. Möglicherweise läßt sich Fürst Tschadschawadse dazu bewegen. Ich werde ihn darauf aufmerksam machen, daß Sie Zivilbeamter sind.“