Heideck erkannte in diesem Vorschlag einen neuen Beweis der freundschaftlichen Gesinnung, die ihm der Fürst schon so oft an den Tag gelegt hatte, und er unterließ es nicht, ihm auf das Wärmste hierfür zu danken.
Für Mr. Kennedy war es allerdings ein nicht sehr erfreulicher Gedanke, unter dem Schutz der Feinde reisen zu müssen; aber er mußte sich im Interesse seiner weiblichen Angehörigen fügen, da es in der Tat keine bessere Möglichkeit gab, schnell und sicher nach Carachi zu gelangen.
„Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es mir wird, dies teuer erkaufte Indien zu verlassen,“ sagte er zu Heideck. „Zwanzig Jahre meines Lebens habe ich ihm gewidmet, Jahre der härtesten, unermüdlichen Arbeit. Und nun ist mein Werk gleich den Werken so vieler besserer Männer mit einem einzigen Schlage verloren.“
„Sie sind ohne Unterbrechung zwei ganze Jahrzehnte hindurch in Indien gewesen?“
„Ja, ich konnte mich nicht entschließen, meine Frau und meine Tochter zu begleiten, wenn sie gelegentlich zu ihrer Erholung auf einige Monate nach Europa gingen. Ich war eben geradezu verliebt in meine Arbeit, und ich werde es kaum verwinden, daß nun alles, alles verloren sein soll. Und es ist verloren — darüber gebe ich mich keiner Täuschung hin. Nachdem die Russen einmal hier Fuß gefaßt haben, werden sie auch das Land niemals wieder aufgeben. Ihre Herrschaft wird eben schon deshalb fester gegründet sein als die unsrige, weil sie dem indischen Volke innerlich viel näher stehen als wir — — — —“
Am nächsten Tage brachen sie auf.
Mr. Kennedy und seine Damen fuhren in einer mit vier australischen Pferden bespannten Mail-Coach, die ursprünglich für den Besuch der Rennen von Annandale bestimmt gewesen war. Er hatte seinen eigenen englischen Kutscher, einen englischen Diener und eine englische Kammerfrau mitgenommen, die zahlreiche, indische Dienerschaft aber hatte er vor der Abreise abgelohnt und entlassen.
Der Marsch ging über Kalka, die Endstation der nach Simla führenden Eisenbahn, ohne jeden Zwischenfall nach Lahore. Hier erfuhr Fürst Tschadschawadse, daß die russische Armee tags zuvor nach Delhi aufgebrochen war, und er mußte sich beeilen, ihr mit seinem Detachement zu folgen.
Während des Eintritts in die Straßen von Lahore, deren Anblick in ihm so viele trübe Erinnerungen weckte, wurde Heideck plötzlich aus seinen Träumereien gerissen. Es war ihm, als hätte er hinter den Säulen, die den Balkon eines Hauses trugen, eine weibliche Gestalt erspäht, die mit großen Augen dem glänzenden, rasselnden, säbelklappernden Reiterzuge folgte. Und obwohl ihr Gesicht fast ganz von einem weit herabgezogenen Kopftuche verhüllt gewesen war, hatte ihn bei ihrem Anblick die halb instinktive Empfindung durchzuckt, daß dies Weib keine andere, als seine und Ediths Retterin, der Page Georgij, sei. Er hatte sein Pferd gewandt und war auf das Haus zugeritten. Aber die Erscheinung war bei seiner Annäherung verschwunden, wie wenn die Erde sie verschlungen hätte. Und so mußte er wohl annehmen, daß es nur eine Täuschung seiner Sinne war.