„Also eine entscheidende Niederlage, nicht wahr, Mr. Heideck?“ sagte er. „Sie als Militär können ja noch mehr zwischen den Zeilen lesen als ich. Ich kenne doch Delhi. Wenn die Batterien an der Jumnabrücke feuern, so müssen die Russen im Begriff sein, sich dieses Uebergangs zu bemächtigen. Die North-Gate-Bastion ist ja der Brückenkopf.“
Heideck mußte ihm recht geben; aber er hatte noch mehr aus der Depesche gelesen und erblickte die schlimmsten Anzeichen in dem Rückzuge des Generals auf Lucknow.
Weitere Depeschen vom Kriegsschauplatze wurden im Laufe des Tages nicht veröffentlicht, weil der Gouverneur der Bevölkerung verheimlichen wollte, wie traurig die Verhältnisse lagen. Mr. Kennedy aber, der im Gouvernementsgebäude gewesen war, erfuhr mehr. Er erzählte Heideck, daß die englische Armee in voller Auflösung geflohen wäre und 8000 Mann an Toten und Verwundeten, 20 Geschütze nebst vielen Fahnen und Standarten verloren hätte. Die Regierung gäbe Delhi bereits auf, denn General Simpson könne die Stadt nicht halten.
„Indien ist uns verloren,“ schloß Mr. Kennedy in tiefem Schmerz. „Jetzt habe ich auch meine letzte Hoffnung begraben.“ — — —
Die ‚Caledonia‘ hatte im Victoria-Dock, einem Teil der großartigen Hafenanlagen auf der Ostküste der Halbinsel, festgelegt, und die Reisenden begaben sich inmitten eines dichten Menschengewühls an Bord. Viele verwundete und kranke Offiziere und Soldaten sollten auf dem schnellen Dampfer nach England zurückbefördert werden und nahmen die sonst für die Passagiere bestimmten Plätze ein. Von Reisenden, die in Geschäften oder zum Vergnügen nach Europa fuhren, war nichts zu sehen. Alle Frauen, die an Bord kamen, gehörten Militärfamilien an. Die allgemeine Stimmung war sehr trübe.
Heideck hatte vor der Einschiffung seinen treuen Diener entlassen. Wohl hatte Morar Gopal mit Tränen in den Augen gebeten, ihn mitzunehmen, aber Heideck mußte fürchten, daß der arme Kerl am europäischen Klima zu Grunde gehen würde. Und beim Eintritt in die Armee hätte er sich ja doch von ihm trennen müssen. So schenkte er ihm hundert Rupien und machte ihn dadurch zum reichen Mann.
Langsam bewegte sich der große Dampfer aus dem Hafenbassin, vorbei an englischen Handelsfahrzeugen und den weißen Kriegsschiffen, die Soldaten und Kriegsmaterial hergeführt hatten.
Heideck sah, als die ‚Caledonia‘ nun in schnellerer Fahrt den Außenhafen durchschnitt, wohl zwanzig Kriegsschiffe, darunter mehrere große Panzer, auf der Reede. Von zwei Transportdampfern, deren Verdeck von Waffen glänzte, wurden englische Truppen, die von Malta kamen, in Booten gelandet.
Dann ging es immer schneller auf die hohe See hinaus. Die Stadt mit ihren Leuchttürmen verschwand in der Ferne, die blauen Berge des Festlandes und der Insel lösten sich in verschwimmenden Nebel auf. Eine lange, weißschimmernde Furche folgte dem Dampfer.