„Dann habe ich sicherlich keinen vorteilhaften Tausch gemacht. Mit unserer höheren geistigen Entwicklung verlieren wir unzweifelhaft den rechten Genuß des natürlichen Daseins. Die Schmerzen aber, an denen das menschliche Leben so viel reicher ist, als an Freuden, lernen wir um so tiefer empfinden.“ —
Die Fahrt durch den indischen Ozean währte sechs Tage, und Heideck hatte oft Gelegenheit, die Ansicht der englischen Offiziere und Beamten über die politische Lage zu hören. Alle klagten sie die Unfähigkeit der Regierung an, die England in eine so gefährliche Situation gebracht hatte.
„Die guten alten Grundsätze der englischen Politik sind aufgegeben worden,“ sagte eines Tages ein Oberst, der wegen einer schweren Verwundung nach England zurückkehren mußte. „In früheren Zeiten hat England seine Eroberungen gemacht, wenn die kontinentalen Mächte in Kriege verwickelt waren, oder es hat auch selbst in Koalition mit anderen Mächten Krieg geführt, um seinen Besitz zu erweitern. Nie aber hat es sich so schimpflich überrumpeln lassen wie jetzt. Frankreich und Deutschland werden wir natürlich besiegen; denn hier handelt es sich um die Seemacht. Aber selbst wenn diese beiden Mächte geschlagen worden sind, bleiben wir doch die Unterliegenden; denn der Verlust Indiens ist für Englands Gesundheit und Leistungsfähigkeit so schlimm, wie für mich die Amputation meines linken Beines. Ich kehre als Krüppel nach England zurück, und auch mein armes Vaterland wird nach dem Verluste Indiens nur noch ein Krüppel sein.“
„Ja, wahrhaftig,“ sagte Mr. Kennedy, „es wird schwer, ich fürchte, es wird unmöglich sein, Indien wieder zu erobern. Den Franzosen, den Holländern, den Portugiesen konnten wir ihre indischen Besitzungen entreißen, weil sie auch nur durch ihre Seemacht mit Indien in Verbindung standen, aber die Russen gliedern die Halbinsel an ihr Reich an und könnten selbst im Falle einer Niederlage immer neue, ungezählte Scharen dorthin zu Lande marschieren lassen. Ich sehe sie schon auf Kalkutta, auf Bombay, auf Madras losgehen, die Häfen besetzen, die mit unserm Gelde gebaut wurden, und in unsern Docks eine Kriegsflotte mit den Hilfsmitteln Indiens bauen.“
„Es ist den kontinentalen Mächten ja nicht zu verdenken,“ fuhr der Oberst fort, „wenn sie unsere Niederlagen benutzen, um sich zu vergrößern. Da ist keine Macht, auf deren Kosten wir nicht groß geworden wären. Alle unsere Besitzungen haben wir den Spaniern, den Holländern, den Portugiesen, den Franzosen mit Gewalt der Waffen entrissen, und Rußland haben wir bekämpft, seitdem es anfing seine Macht zu entfalten. Wir haben die Türkei unterstützt, wir sind in die Krim eingefallen und haben Sebastopol zerstört, wir haben die Flotte im Schwarzen Meer erstickt. Aber jetzt haben wir uns verrechnet. Wir haben den Japanern erlaubt, Rußland anzugreifen, aber wenn unsere Minister geglaubt haben, die Japaner würden für jemand anders als sich selbst kämpfen, so haben sie sich stark verrechnet. Rußland entschädigt sich bei uns für seine Verluste in Ostasien.“
„Nicht Rußland ist unser schlimmster Feind, Deutschland ist es,“ widersprach Mr. Kennedy. „Rußland ist es erst geworden, seitdem wir Deutschland so mächtig werden ließen. Ich erinnere mich noch, wie unsere Minister triumphierten, als Preußen mit Oesterreich und Frankreich Krieg führte. Denn wieder schien der europäische Kontinent durch seine innere Zerrissenheit auf lange Zeit hinaus lahmgelegt. Ein kurzer Triumph! Niemand hatte geahnt, daß Preußen sich so stark erweisen würde. Und damals zeigten sich die ersten Schwächen unserer Politik. Nach den ersten deutschen Siegen am Rhein hätte England eine Allianz mit Frankreich schließen und Preußen den Krieg erklären müssen. Große politische Umwälzungen erfordern eine lange Zeit, und eine kluge Regierung muß weit voraussehen. Bismarck hat Englands Niederlage langsam vorbereitet. Das lag vor dreißig Jahren wie eine Ahnung in uns, gleich einer drohenden Gewitterwolke zog es herauf, aber unsere Regierung hatte nicht den Mut, klar zu sehen und ermangelte der rechten Energie.“
Ein General, der schweigend dagesessen hatte, ergriff das Wort. Er war aus dem Geniekorps hervorgegangen und jetzt dazu bestimmt, das Kommando von Gibraltar zu übernehmen.