„Ganz gewiß. Napoleon hatte bei diesem Unternehmen kein Glück. Zunächst war sein größtes Mißgeschick der Tod des Admirals Latouche-Tréville. Dieser Mann hätte an Villeneuves Stelle die Flotte wahrscheinlich richtig geführt. Es war der einzige französische Seeoffizier, der unserm Nelson hätte entgegentreten können. Aber er starb für Frankreich zu früh, und sein Nachfolger Villeneuve war ihm geistig nicht ebenbürtig. Aber es gibt noch besondere Verhältnisse, die heutzutage günstiger für eine Landung in England sind als zu Napoleons Zeit. Dazu gehört, abgesehen von Kabel und Dampf, zum Beispiel noch der Umstand, daß die modernen Transportschiffe ungleich viel mehr Truppen fassen können, wie damals. Napoleon hatte zweitausendzweihundertdreiundneunzig Fahrzeuge zum Transport seiner Armee von einhundertfünfzigtausend Mann und zur Bedeckung der Transportschiffe ausrüsten müssen, verfügte über eintausendzweihundertvier Kanonenboote und einhundertfünfunddreißig andere bewaffnete Fahrzeuge, außer den eigentlichen Transportschiffen. Fast alle seine Fahrzeuge waren so gebaut, daß sie ohne Boote auf flachem Sandstrande Mannschaften und Pferde mit Geschütz landen konnten. Sie bedurften also auch der Windstille, um über den Kanal zu kommen. Etwa zehn Stunden ruhiger See hätten sie nötig gehabt, um zwischen Dover und Hastings anzukommen. Jetzt aber ist dies anders. Die großen Dampfer der Schiffsgesellschaften Deutschlands und Frankreichs stehen zur Verfügung der Marineleitung.“
„Dennoch bleibt alles beim alten,“ sagte Mr. Kennedy. „Der Sieg auf hoher See gibt den Ausschlag. Keine feindliche Flotte wird sich im Kanal zeigen können, ohne von der unsrigen zerstört zu werden.“
„Hoffen wir es!“ sprach der General.
Auf der Fahrt nach Aden begegneten der ‚Caledonia‘ nur wenige, ausschließlich englische Schiffe. Mehrere Transportdampfer mit Truppen an Bord, passierten auch einige Kriegsschiffe. Ueberholt wurde der Dampfer von keinem Fahrzeuge, denn er machte durchschnittlich 22 Seemeilen Fahrt in der Stunde. Am Morgen des sechsten Tages erschienen die rotbraunen Felsen von Aden, und die ‚Caledonia‘ warf auf der Reede Anker. Eine Menge von kleinen Fahrzeugen schoß heran. Nackte schwarze Araberknaben schrieen nach Geld und zeigten ihre Taucherkünste, indem sie Silberstücke, die vom Bord geworfen wurden, auffischten. Da Kohlen eingenommen werden sollten, gingen die Passagiere, soweit sie bewegungsfähig waren, in von Arabern geruderten Fahrzeugen an Land.
Heideck schloß sich der Familie Kennedy an.
Als das Boot den tief eingeschnittenen Hafen erreichte, der in mehreren Biegungen zwischen befestigten Höhen eine sichere Unterkunft für eine ganze Flotte bot, sah Heideck wohl zwanzig englische Kriegsschiffe, aber mindestens die dreifache Zahl deutscher und französischer sowie einige russische Kauffahrer. Es waren Fahrzeuge, die von englischen Kriegsschiffen erbeutet waren. Auch mehrere Kreuzer der drei mit England in Fehde befindlichen Mächte lagen hier im Hafen. Sie waren nach Ausbruch des Krieges im Indischen Ozean von überlegenen englischen Schiffen genommen worden.
Da der ganze Tag bis zum Abend zur Verfügung stand, nahm Mr. Kennedy einen Wagen, und Heideck fuhr mit der Familie zur Stadt, die, von der Reede aus nicht sichtbar, zwischen hohen, spitzen Bergen eingebettet lag. Die Fahrt ging an einem großen, freien Platze vorüber, auf dem Tausende von Kamelen und Eseln zum Verkauf standen, und Heideck konnte nun in der Nähe die mächtigen Festungswerke bewundern, die die Engländer seit dem 9. Januar 1839, wo sie Aden den Türken abgenommen hatten, auf der wichtigen, meerbeherrschenden Gebirgsecke Arabiens erbaut hatten. Auch die merkwürdigen Tanks wurden besichtigt, jene berühmten Zisternen, die Aden mit Wasser versorgen, etwa fünfzig Becken, die dreißig Millionen Gallonen Wasser enthalten sollen, Anlagen, deren Ursprung in das graueste Altertum zurückreicht und den Persern zugeschrieben wird.
Um sieben Uhr abends waren die Reisenden wieder an Bord und vertieften sich, während die ‚Caledonia‘ ihre Reise fortsetzte, in die Lektüre der englischen, französischen und deutschen Zeitungen, die sie in Aden gekauft hatten. Diese Blätter waren freilich zehn Tage alt, enthielten aber trotzdem vieles, was den Reisenden neu war.
Im Roten Meere war es sehr heiß, und die Gesellschaft der ersten Kajüte schlief zum größten Teile nachts auf dem Verdeck, wie sie es schon die letzten Tage vor Aden getan hatte. Für die Damen ward ein besonderer Teil des Decks durch ein ausgespanntes Segel abgeteilt.
In Port Said, wo viele englische Kriegsschiffe lagen, wurden wiederum Kohlen eingenommen; dann ging die Fahrt bei ungünstigem Wetter und etwas bewegter See in das Mittelländische Meer hinein. Die ‚Caledonia‘ fuhr an der Südküste Kretas hin. Dann nahm der Dampfer den Kurs nordwestlich auf Brindisi, das am achten Tage nach der Abfahrt von Aden erreicht werden sollte. In der Frühe des siebenten Tages aber wurde ein Schiff, von der Nordseite Kretas kommend, bemerkt, dessen Erscheinen den Kapitän der ‚Caledonia‘ in lebhafte Unruhe versetzte. Bald teilte sich diese Unruhe auch den Passagieren mit. Alle Fernrohre und Feldstecher richteten sich nach jenem Fahrzeuge, dessen Kurs den der ‚Caledonia‘ durchschneiden mußte.