Heideck stand mit Edith auf dem Promenadendeck und verfolgte die Bewegung der Schiffe.

„Was könnte uns denn geschehen,“ fragte Edith, „wenn die Franzosen uns einholten? Sie werden doch nicht auf ein unbewaffnetes Schiff schießen!“

„Gewiß nicht. Aber sie würden uns auffordern, unsere Fahrt zu unterbrechen, und dann würden sie die ‚Caledonia‘ nach dem nächsten französischen Hafen bringen.“

„Ist denn dies Seekriegsrecht, und ist das allgemeine Völkerrecht so unvollkommen, daß ein Passagierdampfer weggenommen werden kann? Die ‚Caledonia‘ führt doch nicht Krieg. Sie bringt Verwundete und harmlose Reisende nach Hause.“

„Unser Kapitän scheint kein großes Vertrauen zum Seekriegsrecht und zum Völkerrecht in dieser Beziehung zu haben,“ sagte Heideck. „Und in der Tat gibt es nichts Ungewisseres, als diese Bestimmungen. Genau genommen gibt es gar kein Völkerrecht, sondern der Stärkere macht mit dem Schwächeren, was er will, und die einzige Schranke, die der Willkür des Siegers entgegengesetzt werden kann, ist die Scheu vor der öffentlichen Meinung. Aber diese Scheu ist bei dem Mächtigen auch nicht allzu stark, zumal er weiß, daß die öffentliche Meinung bestochen werden kann.“

„Das Völkerrecht,“ sagte Edith mit schwermütigem Lächeln, „scheint also dem Recht sehr ähnlich zu sein, das überhaupt auf Erden zwischen den Menschenkindern geübt wird.“

„Die Franzosen würden übrigens keine schlechte Beute machen, wenn sie die ‚Caledonia‘ aufbrächten,“ fuhr Heideck fort. „Unter den achthundert Passagieren sind gegen dreihundert Militärs, und ich habe gehört, daß sich große Summen Geldes an Bord befinden.“

Das Promenadendeck war angefüllt mit den Passagieren der ersten Kajüte, die gespannt und angstvoll die Bewegung der Schiffe verfolgten. Auch im Zwischendeck, wie unter den Passagieren der zweiten Kajüte herrschte große Unruhe. Im günstigsten Falle, wenn die ‚Caledonia‘ den Verfolgern entkam, mußte die Reise ja eine beträchtliche Verzögerung erfahren. Aber es war kaum anzunehmen, daß die ‚Caledonia‘ bis nach Alexandria gelangen würde. Denn wenn auch der ‚Chanzy‘, der 22 Knoten Fahrt haben mochte, merklich zurückblieb, kam doch der Torpedojäger immer weiter herauf, und auch der ‚Forbin‘ rückte in bedrohliche Nähe.

Da kam eine neue, überraschende Meldung. Zwei Dampfer fuhren der ‚Caledonia‘ entgegen. Alle Gläser wandten sich dorthin, wo die winzigen Rauchsäulen über dem Wasserspiegel erschienen, und bald war mit Sicherheit die britische Flagge zu erkennen.

Der zweite Offizier teilte den Passagieren mit, daß der Kreuzer erster Klasse ‚Royal Arthur‘ und das Kanonenboot ‚O’Hara‘ herankämen. Und er sprach die Hoffnung aus, die ‚Caledonia‘ würde in den Schutz dieser Kriegsschiffe kommen, ehe die Franzosen sie erreichten.