Aber die Ereignisse machten dem englischen Passagierdampfer einen Strich durch die Rechnung. Es wurde ein Schiff voraus gemeldet, und man sah die ‚Aréthuse‘ herankommen, mit einem Kurs, der sie geradenwegs der ‚Caledonia‘ entgegenführte. Um der Begegnung auszuweichen, ließ der Kapitän sofort nordwärts steuern, und die ‚Caledonia‘ kam dadurch näher, als es beabsichtigt gewesen war am Kampfplatz vorüber, so nahe, daß eine auf den östlich liegenden Torpedojäger gezielte britische Granate, über das niedrige französische Schiff hinwegfliegend, dicht vor ihrem Bug ins Wasser fiel, einen gewaltigen Springquell emporschleudernd.

Wenige Sekunden später setzte sich der französische Torpedojäger in schnelle Fahrt gegen den ‚Royal Arthur‘. Und nun bot sich den Passagieren der ‚Caledonia‘, sowie allen auf dem enger gewordenen Gefechtsfeld befindlichen Seeleuten ein furchtbarer Anblick. Der Torpedojäger hatte endlich den rechten Augenblick zum Angriff erspäht, und sein Lanzierrohr hatte einen meisterhaft gezielten Torpedo gegen den Feind entsandt. Man sah in der Mitte des ‚Royal Arthur‘, dicht über dem Wasserspiegel, erst eine kleine Rauchwolke und dann eine gewaltige Wassersäule emporsteigen. Gleichzeitig ertönte ein dumpfer, die Luft in weitem Umkreise erschütternder Knall, der selbst den Donner der Geschütze übertönte.

Und nun war es, als ob der Kreuzer von Riesenhänden mitten auseinander gerissen würde. Der ungeheure Schiffskörper teilte sich in zwei Hälften. Langsam neigte sich das Vorderteil nach vorn, das Hinterteil nach hinten. Gleich darauf richteten sich beide Teile wieder auf, als wollten sie sich über der klaffenden Bresche aufs neue zusammenschließen. Aber nur wenige Sekunden dauerte diese Bewegung. Dann zog das Gewicht des einströmenden Wassers den Riesenkörper in die Tiefe. Der ‚Royal Arthur‘ sank mit grauenerregender Schnelligkeit. Jetzt ragten nur noch die drei Schornsteine über dem Wasserspiegel empor, wenige Augenblicke später sah man nichts mehr als die Spitzen der Masten mit den für das Gefecht gehißten Toppsflaggen. Dann stieg eine mächtige, schäumende Welle empor, und nur das Branden der Wogen zeigte die Stelle an, wo der stolze Kreuzer gesunken war.

Die Kanonen waren verstummt, und auf allen Schiffen herrschte tiefes Schweigen. Die Passagiere waren wie gelähmt von dem Uebermaß des Entsetzens. Der Kapitän aber befahl, sämtliche Boote auszusetzen, um der Bemannung des ‚Royal Arthur‘ zu Hilfe zu kommen. Man sah, daß auch der ‚Chanzy‘ Boote zu Wasser ließ. Der ‚O’Hara‘ entfloh, um nicht eine Beute der jetzt weit überlegenen französischen Streitkräfte zu werden, und entfernte sich vom Kampfplatz in östlicher Richtung, verfolgt von dem ‚Forbin‘, der ihm Schuß auf Schuß nachsandte.

Wenn der Kapitän der ‚Caledonia‘ auf jeden Fluchtversuch verzichtet hatte, so folgte er damit nicht nur einer Regung der Menschlichkeit, sondern er gehorchte auch den Signalen des Torpedojägers, die ihm befahlen, beizudrehen. Er wußte, daß es für den ihm anvertrauten Dampfer kein Entrinnen mehr gab, seitdem die Granaten des ‚Royal Arthur‘ aufgehört hatten, den Feind zu bedrohen.

Der Kampf der Unglücklichen, denen es gelungen war, sich aus der dunklen Tiefe emporzuarbeiten, und die nun verzweifelt um ihr Leben rangen, gewährte einen erschütternden Anblick. Die des Schwimmens Unkundigen gingen sehr bald unter, wenn es ihnen nicht gelungen war, sich eines treibenden Gegenstandes zu bemächtigen. Von den zahlreichen Köpfen, die man unmittelbar nach dem Untergang des Kreuzers über dem Wasser gesehen hatte, verschwanden mit jeder Sekunde mehr, und es unterlag keinem Zweifel, daß die heldenmütig arbeitende Besatzung der Schiffsboote nur einen sehr kleinen Teil der Mannschaft würde retten können.

An der Fallreepstreppe der ‚Caledonia‘ legte unterdessen die Gig des Kommandanten des ‚Chanzy‘ an. Der erste Offizier dieses Schiffes stieg in Begleitung von vier Seesoldaten und einem Deckoffizier an Bord und begrüßte den Kapitän der ‚Caledonia‘ mit seemännischer Höflichkeit.

„Ich bedaure sehr, mein Herr, daß ich genötigt bin, Ihnen und Ihren Passagieren Unbequemlichkeiten zu verursachen. Aber ich handle nach dem mir erteilten Befehl, wenn ich Sie bitte, mir die Schiffspapiere zu zeigen und eine Durchsuchung Ihres Schiffes zu gestatten.“

„Nach Lage der Dinge haben Sie zu befehlen,“ erwiderte der Engländer finster.

Dann stieg er mit dem Franzosen in die Kajüte hinab, während der Deckoffizier mit den Soldaten am Fallreep stehen blieb. Die Verhandlungen währten fast zwei Stunden. Währenddessen wurden die Rettungsarbeiten unermüdlich fortgesetzt. Es war gelungen, hundertundzwanzig Matrosen und Soldaten, fünf Offiziere, sowie den Kommandanten des ‚Royal Arthur‘ den Wellen zu entreißen. Die Mehrzahl der Offiziere und Mannschaften aber war verloren.