Endlich ging auch Heideck, müde gemacht durch die gleichmäßigen Schritte der auf dem Verdeck auf- und niedergehenden französischen Schildwache, in seine Kajüte hinab. Rasch senkte sich der Schlaf auf seine Lider, aber es waren unruhige Träume, die ihn verfolgten. Noch einmal durchlebte er den Kampf, dessen Zeuge er gewesen war. Und die Traumbilder mußten sehr lebhaft gewesen sein, da er unausgesetzt den dumpfen Knall der Schüsse zu hören vermeinte. Er rieb sich die Augen und setzte sich auf dem schmalen Lager auf. War das denn Wirklichkeit oder nur eine Täuschung seiner erregten Sinne? Der dumpfe Donner schlug ja noch immer an sein Ohr; und nachdem er minutenlang mit gespannter Aufmerksamkeit gehorcht hatte, sprang er auf, um in seine Kleider zu schlüpfen und auf Deck zu eilen. Schon auf dem Gange traf er mit mehreren Herren zusammen, die ebenfalls durch den Knall der Schüsse aus dem Schlummer geweckt worden waren. Und sobald er das Verdeck erreicht hatte, sah er, daß man sich in der Tat wieder inmitten eines heftigen Seegefechtes befand.

Die Nacht war ziemlich dunkel; aber wenn schon das Aufblitzen der Schüsse die Stellung des Feindes ungefähr erkennen ließ, so wurde dieselbe mit völliger Deutlichkeit gerade jetzt sichtbar, als von der ‚Aréthuse‘ ein Scheinwerfer aufleuchtete und seinen breiten, blendend hellen Lichtkegel über die Wasserfläche spielen ließ. Die riesigen Massen zweier Linienschiffe tauchten weißglänzend aus der Dunkelheit auf. Außer ihnen ließen sich noch fünf andere, kleinere Kiegsschiffe und mehrere winzige, niedrige Fahrzeuge erkennen, die Torpedoboote des britischen Geschwaders, das dem französischen entgegenkam. Hell wie eine kleine Sonne ging jetzt auch von englischer Seite ein elektrischer Scheinwerfer auf. Es war ein interessantes Schauspiel, zu beobachten, wie diese beiden elektrischen Lichter, sich langsam drehend, die einzelnen Schiffe gleichsam aus der Dunkelheit hervorzerrten, den Geschützen sichere Zielpunkte zeigend.

In dem französischen Geschwader, dessen Kommandant hinsichtlich der Ueberlegenheit des Feindes nicht im Ungewissen sein mochte, entstand eine lebhafte Bewegung. Alle Fahrzeuge, auch die ‚Caledonia‘, drehten und gingen mit Volldampf zurück. Aber die schweren englischen Granaten aus den 30,5 Zentimeter-Kanonen der Linienschiffe fielen bereits zwischen ihnen nieder, obwohl die Entfernung noch etwa drei Seemeilen betragen mochte. Und plötzlich, als die ‚Caledonia‘ während des Wendungsmanövers dem britischen Geschützfeuer eine Breitseite zeigte, ließ sich ein scharfer, erschütternder Schlag im Schiffe spüren, dem der Knall einer heftigen Explosion folgte. Die Bewegung des Dampfers stockte, und lautes Wehgeschrei erscholl aus dem Maschinenraum. Zu Tode erschreckt liefen die Passagiere umher. Man durfte ihnen nicht verhehlen, daß eine Granate eingeschlagen hatte und explodiert war.

Aber es stellte sich heraus, daß die ‚Caledonia‘ zwar stark beschädigt, doch nicht unmittelbar gefährdet war. Nur die Manövrierfähigkeit und Schnelligkeit des Schiffes hatten dadurch erheblich gelitten, daß ein Dampfrohr getroffen war.

Die französischen Kriegsschiffe entfernten sich eiligst und überließen die ‚Caledonia‘ und die eingeschiffte Prisenmannschaft ihrem Schicksal, da es nicht möglich war, sie mitzunehmen. Sie mußten auf die gute Prise verzichten und sich mit dem großen Erfolge begnügen, den sie mit der Zerstörung des ‚Royal Arthur‘ und der Wegnahme des ‚O’Hara‘ errungen hatten. Die ‚Caledonia‘ aber, vom Scheinwerfer beleuchtet und von den britischen Kommandanten erkannt, hatte keinen ferneren Schuß zu befürchten. Sie bewegte sich langsam in nördlicher Richtung und wurde, als der Morgen dämmerte, von zwei britischen Kreuzern erreicht. Ein Offizier kam an Bord, erklärte die französische Prisenmannschaft für kriegsgefangen und erfuhr von dem dritten Offizier, der sie jetzt führte, die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden.

Das britische Geschwader folgte den französischen Schiffen, die ‚Caledonia‘ aber nahm, nur noch mit acht Knoten Geschwindigkeit, den Kurs auf Neapel, das ohne weitere Zwischenfälle erreicht wurde. Die Passagiere wurden ausgeschifft, die große Geldsumme wurde in der Bank von Neapel für Rechnung der englischen Regierung deponiert und nur die Ladung an Baumwolle, Teppichen und gestickten Seidenstoffen blieb an Bord.

Die Familie Kennedy nebst Mrs. Irwin gingen in das Hotel de la Riviera, und Heideck schloß sich ihnen an. Er wollte nur einen einzigen Tag in Neapel bleiben und dann mit dem durchgehenden Zuge nach Berlin fahren.

Edith ahnte seinen Plan, obwohl er nicht mit ihr über seine Reise nach Berlin gesprochen hatte, und sie redete ihn wenige Stunden nach der Ankunft im Lesezimmer an, wo er eifrig die Zeitungen studierte.

„Wichtige Neuigkeiten?“

„Alles ist mir neu. Wir haben bis jetzt doch immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Kreise der Ereignisse übersehen können, und erst aus diesen Zeitungen vermochte ich einen umfassenden Ueberblick zu gewinnen.“