„Aber auch er hat die Macht einer starken Persönlichkeit für sich, und diese ist es, die in allen großen Dingen den Ausschlag gibt. Der feine Instinkt des Volkes fühlt, daß der Kaiser die rechte Wahl getroffen hat, und die allgemeine Beliebtheit des Kanzlers gewährt ihm auch den Heerführern gegenüber einen mächtigen Rückhalt. Zudem müssen wir alle ja immer wieder seinen praktischen Verstand und seinen weiten Gesichtskreis bewundern. Ist nicht die Besetzung Antwerpens dafür ein neues Beispiel? Belgien ist sonst von der französischen Armee besetzt, aber der Kanzler hat bei der französischen Regierung durchgesetzt, daß wir Antwerpen halten, weil unsere Flotte in der Schelde liegt. Und ich bin sicher, daß wir es niemals wieder herausgeben werden.“

Der Kommandant schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Sie glauben wirklich, daß wir Antwerpen so ohne weiteres werden behalten können?“

„Wir müssen und werden Antwerpen haben. Die Niederlande und Belgien mögen bestehen bleiben; denn wir können gerechterweise diese Länder nicht annektieren. Aber die Niederlande und Antwerpen werden zum Schutze ihrer eigenen Interessen zum Deutschen Reich in ein engeres politisches Verhältnis treten. Ihre Regierungen sind auf die Dauer zu schwach, um der revolutionären Bewegungen in ihren Ländern Herr zu werden. Wir steuern ja unaufhaltsam auf die Bildung größerer Staatswesen hin. Die Grausamkeit der Kriege erscheint mir dadurch etwas gemildert, daß der Krieg in seinen Begleiterscheinungen ein Einigungsmittel der Völker ist.“

„Das klingt sehr schwärmerisch, Herr Major,“ sagte der Kapitän verwundert, und dem Gespräch eine andere Wendung gebend fuhr er fort: „Was für Nachrichten denken Sie durch Ihre Mittelspersonen nach Dover gelangen zu lassen?“

„Ich denke den Admiral in der Meinung zu bestärken, daß wir mit der Flotte und zahlreichen Dampfern unserer privaten Schiffahrtsgesellschaften aus der Schelde herauskommen und mit Unterstützung der französischen Flotte eine Armee nach Dover hinüberwerfen wollen.“

„Mich wundert, daß die Engländer so gar keinen Versuch machen, unsere Stellungen zu forcieren. Man ist fast versucht zu glauben, daß die englische Marine ebensowenig kriegstüchtig sei, wie die englische Armee. Wenn unsere Gegner sich stark fühlten, würden sie doch wohl schon längst vor Brest, Cherbourg, Vlissingen, Wilhelmshaven oder Kiel erschienen sein. Helgoland könnte eine Panzerflotte doch eigentlich nicht hindern, in die Elbe einzudringen, es müßte der englischen Flotte vielmehr ein willkommenes Angriffsobjekt sein. Wenn ich über die englische Flotte zu gebieten hätte, führe ich mit den älteren Panzern ‚Albion‘, ‚Glory‘, ‚Canopus‘, ‚Goliath‘, ‚Ocean‘ und ‚Vengeance‘ gegen Helgoland. Die kleine Insel würde diesen sechs Linienschiffen schwerlich lange Stand halten, und die deutsche Nordseeflotte — vorausgesetzt, es wäre eine vorhanden — würde ehrenhalber aus Wilhelmshaven hervorkommen müssen.“

„Daß nichts derartiges geschieht, erklärt sich wohl weniger aus dem englischen Bewußtsein der eigenen Schwäche, als daraus, daß die Engländer niemanden haben, dessen Genie der Situation gewachsen wäre. Gewiß fehlt es ihnen nicht an tüchtigen Admiralen, aber es ist kein Nelson darunter. Auch unser Krieg wäre ja vielleicht unterblieben, wenn der Kaiser nicht in dem neuen Kanzler das Genie entdeckt hätte, dessen unsere Zeit bedarf. Die Kriege gegen Dänemark, Oesterreich und Frankreich wären ohne Bismarcks Initiative schwerlich gekommen. Große Staaten können auch bei der elendesten Regierung und bei den größten Fehlern noch lange bestehen, aber ein Aufschwung, ein wirklicher Fortschritt ist nur durch das Eingreifen einer gewaltigen Persönlichkeit möglich.“

„Ich bin darin nicht ganz Ihrer Meinung, denn meiner Ueberzeugung nach sind es die wirtschaftlichen Verhältnisse, die von Zeit zu Zeit zu großen Umwälzungen drängen. Glauben Sie, daß den Russen beispielsweise die Eroberung Indiens gelungen wäre, wenn die dortigen wirtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der eingebornen Bevölkerung besser gewesen wären?“

„Gewiß nicht. Auch ein großer Mann muß den Boden vorbereitet finden, auf dem seine Kraft sich betätigen soll. Und ich meine, daß unser Kanzler eben zur rechten Zeit auf dem Plane erschienen ist.“