Die russische Armee war bis nach Lucknow vorgedrungen, ohne daß seit der Schlacht bei Delhi ein nennenswerter weiterer Zusammenstoß stattgefunden hatte. Es schien, als ob die Engländer vorläufig dem Feinde ihre Armee nicht mehr im offenen Felde entgegenstellen wollten, sondern darauf rechneten, daß die Russen bei der nunmehr herrschenden Sommerhitze und bei der enormen Länge ihrer Etappenstraßen nicht in genügender Stärke bis zu den südlichen Provinzen gelangen würden, um einen dort zu leistenden energischen Widerstand zu brechen. Aber Heideck glaubte nicht mehr an die Möglichkeit eines solchen Widerstandes und schloß aus den Nachrichten über beständige Nachschübe durch den Kaiberpaß, daß alle Verluste der Russen rasch genug ersetzt würden. Den Engländern würde seiner Meinung nach kaum etwas anderes übrig bleiben, als die Trümmer ihrer Armee in den Häfen von Kalkutta, Madras und Bombay einzuschiffen und so wenigstens einen Teil der geschlagenen Streitkräfte aus Indien zu retten.
Während seines Verweilens in dem Bureau kamen unausgesetzt Depeschen aus Wilhelmshaven, Kiel, Brest und Cherbourg. Der Nachrichtendienst an der ganzen nördlichen Küste stand unter Heidecks Leitung.
Die strategische Lage war im großen und ganzen, von einzelnen Seegefechten abgesehen, seit Monaten unverändert. Auf englischer Seite sowohl wie auf Seite der Alliierten trug man Bedenken, sich auf eine entscheidende Schlacht einzulassen. Die englischen Flotten wagten so wenig einen Angriff auf die feindlichen Häfen, als die Geschwader der vereinigten Festlandsmächte geneigt erschienen, ihr Glück auf hoher See zu versuchen. Beide Parteien suchten Fühlung mit dem Feinde zu gewinnen, auf den günstigen Augenblick wartend, wo eine Schwäche des Gegners Aussicht auf ein erfolgreiches Vorgehen bieten würde.
„Es ist erstaunlich,“ sagte einer der Offiziere aus Heidecks Umgebung, „was diese Küstenbewohner riskieren. In ihren Fischerbooten fahren sie über den Kanal und schlüpfen an den Kriegsschiffen vorbei. Der Mann, der die neuesten englischen Zeitungen gebracht hat, sagte mir, daß er dicht in der Nähe der Kriegsschiffe hinführe, um den Eindruck der Harmlosigkeit zu erwecken. Und es bedarf fürwahr nicht geringen Mutes, um das zu wagen.“
„Aber die Spione unserer Gegner stehen ihnen darin nicht nach. Ich habe gestern mehr zufällig als durch eigenes Verdienst in der Scheldemündung einen in englischem Solde stehenden Heringsfischer ertappt, und ich bin dabei auf eine anscheinend wichtige Spur gestoßen, die ich in Antwerpen weiter zu verfolgen gedenke. Zuvor aber will ich mich bei dem Kanzler melden.“
„Sie finden ihn nicht mehr in Vlissingen. Er ist mit dem Kriegsminister und dem Chef des Generalstabs nach Antwerpen gefahren, wie ich höre, zum Zwecke wichtiger Verhandlungen mit dem französischen Generalstabschef.“
„Haben Sie vielleicht auch etwas näheres über die Natur dieser Verhandlungen in Erfahrung bringen können?“
„Nur soviel, daß die Frage weiterer Mobilmachungen erörtert werden soll. Es scheint jedoch, als hielte man die sechs Armeekorps, die wir bis jetzt auf Kriegsfuß haben, für unsererseits ausreichend. Wir führen keinen Landkrieg, weshalb also sollte man den Völkern ohne zwingende Not die Lasten einer weiteren Mobilmachung auferlegen?“
„Freilich, die Opfer, die dieser Krieg fordert, gehen ja ohnedies ins Ungemessene, da Industrie und Handel völlig darniederliegen.“
„Niemand gewinnt bei diesem Weltenbrande als Amerika. Die Vereinigten Staaten liefern seit Ausbruch des Krieges den Engländern alles, was sie bisher von dem europäischen Kontinent bezogen.“