Es waren zum guten Teil Briefe der Gräfin Clementine Arselaarts an Frau Beatrix Amelungen, und, abgesehen von einigen Wendungen, die zu Wachsamkeit und Schnelligkeit mahnten, von unverfänglichem Inhalt.
Daneben aber befand sich in einem besonderen, mehrfach versiegelten Umschlage ein auf allen vier Seiten engbeschriebenes Briefblatt, das nicht ohne weiteres leserlich war, weil die Buchstaben scheinbar ganz regellos und willkürlich durcheinander geworfen waren.
„Chiffreschrift!“ sagte Heideck. „Aber wir werden schon dahinter kommen, was sie verbirgt. Sie haben ja einige tüchtige Dechiffreure zu Ihrer Verfügung, Herr Oberstleutnant, und es dürfte gut sein, wenn sie sich sofort an die Arbeit machten.“
Er setzte die Prüfung fort, und plötzlich schlug es wie eine Blutwelle in sein Gesicht, denn in seinen Händen hielt er jetzt einen Brief, dessen Handschrift er auf den ersten Blick als diejenige Ediths erkannt hatte.
Er lautete:
‚Liebe Beatrix! Wie Du siehst, bin ich wieder in England angekommen. Du weißt, daß ich als Witwe zurückgekehrt bin, und Du darfst mir glauben, daß es schreckliche Dinge waren, die ich erleben mußte. Dein Bruder ist bei Lahore auf dem Felde der Ehre gefallen; mir aber ist es nach unsäglichen Schwierigkeiten gelungen, unter dem Schutze des Generalanwalts Kennedy und seiner Familie Indien zu verlassen. Ich müßte ein Buch füllen, um Dir alle Schrecknisse unserer Reise zu schildern. Doch es ist wohl jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, über ein trauriges Einzelschicksal zu klagen. Wir alle sind Fremdlinge und Pilger auf Erden, die ihr Kreuz tragen müssen, so wie es ihnen eben auferlegt wurde.
Der unmittelbare Anlaß meines heutigen Schreibens ist eine Angelegenheit, in der ich Deiner Meinungsäußerung bedarf. Als ich hier bei meinen Eltern ankam, erfuhr ich, daß Onkel Godfrey am 16. April gestorben ist. Ich weiß nicht, ob Du bereits Kenntnis davon hast, da ja jede regelmäßige Verbindung mit dem Kontinent unterbrochen ist. Onkel Godfrey hat ein Testament hinterlassen, in dem er sein ganzes Vermögen Dir als seiner Nichte und meinem verstorbenen Mann zu gleichen Teilen vermacht. Sein Besitz ist größer gewesen, als mein Mann ihn geschätzt hatte. Nach der Teilung würde meinem Mann ebenso wie Dir eine jährliche Rente von 5000 Pfund zugefallen sein. Nun ist Dein Bruder aus dem Leben geschieden, ohne eine letztwillige Verfügung zu hinterlassen. Aber mein Rechtsanwalt sagt mir, daß ich als seine alleinige Erbin Anspruch auf den ihm zugefallenen Teil des Nachlasses habe. Um mich darüber mit Dir verständigen zu können, habe ich mich hierher nach Dover begeben; denn ich habe erfahren, daß es nur mit Hilfe des Admiral Hollway, der den Sicherheitsdienst unserer Küste leitet, möglich sein würde, den Brief nach Antwerpen gelangen zu lassen. Zu meiner Ueberraschung teilte mir der Admiral mit, daß ihm Dein Name bekannt sei, und er übernahm es bereitwilligst, diesen Brief an Dich zu befördern. So bitte ich Dich denn um Deine Zustimmung zu einer Teilung von Onkel Godfreys Erbschaft zwischen Dir und mir. Ich glaube ja nicht, daß Du irgend welche Bedenken haben wirst, aber ich halte es für geboten, Deine ausdrückliche Einwilligung einzuholen. Ich werde mich freuen, von Dir zu hören, daß es Dir wohl geht.
Getreulich die Deinige! Edith Irwin.
P. S. In Indien habe ich die Bekanntschaft eines deutschen Offiziers gemacht, der mir während der Schreckenszeit des Krieges große Dienste leistete und mir wiederholt das Leben gerettet hat. Er ist mit der Familie Kennedy und mir auf der ‚Caledonia‘ bis nach Neapel gefahren und von dort nach Berlin weitergereist, während wir unsere Reise auf einem Kriegsschiff durch die Straße von Gibraltar nach Southampton fortsetzten. Dieser Offizier ist ein Hauptmann Heideck vom preußischen Generalstab. Ich würde Dir dankbar sein, wenn Du Dich erkundigen wolltest, wo er sich gegenwärtig befindet. Es liegt mir daran, seine Adresse zu erfahren. Ich bleibe vorläufig in Dover, und Briefe erreichen mich unter der Adresse der Mrs. Jones, 7 St. Pauls Street.‘
Eine Welt peinigender Erinnerungen lebte beim Lesen dieses Briefes in Heidecks Herzen auf. Er zweifelte keinen Augenblick, daß die Nachschrift, in der sein Name vorkam, der eigentliche Zweck des Schreibens war. Alles andere war sicherlich nichts als ein Vorwand; denn er wußte, mit welcher Gleichgiltigkeit Edith alle ihre Geldangelegenheiten behandelte, und war überzeugt, daß es ihr mit der Regelung dieser Erbschaft durchaus nicht so eilig war, als es nach ihrem Brief den Anschein haben mußte.