[XXVIII.]
Aus Brüssel meldete der Oberst Mercier-Milon, daß er die Gräfin Arselaarts verhaftet habe und einen guten Fang gemacht zu haben glaube. Die Gräfin sei stark verschuldet und treibe großen Aufwand. Bis vor kurzem hätte sie sich des finanziellen Beistandes einer hohen Persönlichkeit zu erfreuen gehabt, seitdem diese sich aber im Auslande befinde, seien ihre Hilfsquellen versiegt, und sie habe seither den Engländern vermutlich gegen hohe Belohnung Spionendienste geleistet. Er sei im Begriffe, ein weit verzweigtes Netz von Kundschaftern in Belgien und Frankreich aufzudecken.
Auch Herr van Spranekhuizen und Hinnerk Brodersen in Schleswig waren im Laufe desselben Vormittags verhaftet worden.
„Hätten wir nur sichere Auskunft über die Stärke der britischen Flotte,“ sagte der Oberstleutnant, der Heideck diese Mitteilungen gemacht hatte. „Zuweilen bin ich wirklich geneigt, zu glauben, daß diese Flotte durchaus nicht so gefechtstüchtig ist, wie bisher von aller Welt angenommen wurde. Es ist eben für den Außenstehenden so gut wie unmöglich, in die Zustände der englischen Marine einen klaren Einblick zu gewinnen. Ganz methodisch werden, soweit ich zurückdenken kann, falsche Berichte über die Flotte offiziell, offiziös und privatim verbreitet. Von Zeit zu Zeit tritt dann im Parlament irgend ein von der Regierung dazu bestimmter Redner auf, der die Marineverwaltung in der heftigsten Weise angreift. Dieser wird von einem Vertreter der Admiralität widerlegt, und der Welt ist wieder einmal Sand in die Augen gestreut worden. An einem der letzten Geburtstage der Königin Viktoria war, wie es hieß, ein gewaltiges Geschwader auf der Reede von Spithead zur Revue vereinigt. Aber es wurde keinem Ausländer ermöglicht, diese imposante Flotte näher zu betrachten, und ich bin sehr geneigt, zu glauben, daß es mit ihr ganz ähnlich bestellt war, wie mit jenen berühmten Kulissendörfern, die Potemkin der russischen Kaiserin bei ihrer Reise nach der Krim zeigte. Die offiziellen Angaben gehen dahin, daß England über 400 Kriegsschiffe hat, wobei die Torpedoboote nicht eingerechnet sind. Darunter sind aber recht viel veraltete und wenig kriegstüchtige Fahrzeuge.“
Heideck nickte.
„Wäre die englische Flotte wirklich so kriegstüchtig, wie man glaubt, so wäre es ja in der Tat schwer zu verstehen, daß sie noch nichts Entscheidendes unternommen hat.“
„Das ist auch meine Ansicht. Die Flotte von Kopenhagen hätte längst einen Angriff auf den Kieler Hafen ins Werk setzen können. Es hieß ja, sie solle die russische Flotte in Schach halten. Aber das war ja doch anfänglich überflüssig, so lange der Bottnische und der Finnische Meerbusen vom Eise blockiert waren und die russischen Geschwader sich gar nicht bewegen konnten. Diese Kriegführung erinnert lebhaft an die Zustände im Krimkriege, wo eine gewaltige englische Flotte unter allen Posaunenstößen der Reklame gegen Kronstadt und Petersburg auszog, aber nichts anderes ausrichtete, als das Bombardement des obskuren Bomarsund, so daß die englische Presse nur mit Mühe das große Fiasko ihrer weltberühmten Flotte bemänteln konnte.“