„O, du hast starke Ausdrücke, Liebster! Ich war, bei Gott, auf derartige Vorwürfe nicht gefaßt. Gewiß dachte ich nur an dich und an mich, und ich schäme mich nicht im geringsten, es einzugestehen. Denn für mich gibt es eben auf der Welt nichts Wichtigeres als unsere Liebe.“
„Und dein Vaterland, Edith? — Gilt es dir nichts?“
„Mein Vaterland — was ist das? Ein Stück Erde mit Steinen, Bäumen, Tieren und Menschen, die mir gleichgültig sind, denen ich nichts verdanke und nichts schuldig bin. Warum sollte ich sie mehr lieben, als die Bewohner irgend eines anderen Himmelstriches, unter denen es ebensoviele Gute und Schlechte gibt wie unter ihnen? Ich bin eine Engländerin — nun gut: — Aber ich bin auch eine Christin. Und wer dürfte mich verdammen, wenn mir die Gebote des Christentums heiliger wären als alle engherzigen, nationalen Rücksichten? Wenn der Besitz dieses Papieres euch wirklich zu den Stärkeren machte — wenn England statt des erhofften Sieges, der den Krieg ins Endlose verlängern würde, auch hier eine Niederlage davontrüge — was wäre für die Menschheit damit verloren? Man würde vielleicht um so eher Frieden schließen, und in gerechtem Stolz auf meine Tat würde ich mich dann vor aller Welt zu ihr bekennen.“
Heideck hatte sie nicht unterbrochen, aber sie sah, daß ihre Worte keinen Weg gefunden hatten zu seinem Herzen. Mit düsterer Miene stand er vor ihr, schwer atmend, wie einer, dem eine schwere Last die Brust beengt.
„Vergib — aber ich vermag deinem Gedankengang nicht zu folgen,“ sagte er mit einem traurigen Kopfschütteln. „Es gibt Dinge, die sich nicht beschönigen lassen, welches Mäntelchen auch immer man ihnen umhängen mag.“
„Nun denn, wenn es deiner Meinung nach etwas so Ungeheuerliches war, was ich getan habe — was hindert uns dann, es ungeschehen zu machen? Gib mir das Papier zurück, ich werde es vernichten. Dann wird niemand durch meinen Verrat einen Schaden erleiden.“
Sie streckte ihren Arm nach dem Schriftstück aus, das Heideck noch immer in den Händen hielt. Aber er gab es ihr nicht, sondern barg es in der Brusttasche seines Uniformrocks.
„Dazu ist es zu spät. Jetzt, da ich weiß, was dieses Blatt enthält, gebietet mir mein Pflichtgefühl als Offizier, mich seiner auch zu bedienen. Du hast mich hier in einen furchtbaren Zwiespalt mit mir selbst gebracht.“
„Ah, ist das deine Logik? Dein Ehrgefühl verbietet dir nicht, die Früchte meines Verrats zu ernten; die Verräterin aber strafst du mit dem ganzen Gewicht deiner Verachtung.“
Er vermied es, ihrem flammenden Blick zu begegnen.