„Nein, das ist nicht möglich, denn ich werde auf einer Lokomotive fahren müssen.“
„Und wann kehrst du hierher zurück?“
Heideck wandte sein Gesicht ab.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht entsendet man mich weit fort von hier, so daß ich keine Möglichkeit finde, mich vorher von dir zu verabschieden.“
„Mit anderen Worten — du willst mich nicht wiedersehen? — Du schweigst? — Du hast nicht das Herz, mich zu belügen! Muß ich dich daran erinnern, daß du geschworen hast, mir zu gehören, wenn du in diesem Kriege das Leben behieltest?“
„Wenn ich das Leben behielte — ja!“
Der Ton seiner Erwiderung hatte sie getroffen wie ein Schlag. Und sie brauchte ihm nicht einmal mehr ins Gesicht zu sehen, um zu wissen, was in seinem Inneren vorging. Jetzt erst hatte sie begriffen, daß es keine Hoffnung mehr für sie gab. Heideck hatte nicht gelogen, als er sagte, daß er sie noch immer liebte, und der Abscheu, den er vor ihrer Handlungsweise empfand, entband ihn vor dem eigenen Gewissen nicht von seinem Wort. Aber da er es doch zugleich als eine unumstößliche Gewißheit empfand, daß er die Verräterin ihres Vaterlandes nimmermehr zu seinem Weibe machen könnte, drängte seine Auffassung von der Ehre des Mannes und des Offiziers ihn auf den einzigen Weg, der ihn aus diesem furchtbaren Widerstreit der Pflichten hinausführte.
Er hatte geschworen, sie zu heiraten, wenn er lebend aus diesem Krieg hervorginge. Und weil er seinen Schwur so wenig brechen wollte, als er ihn halten konnte, war er in diesem Augenblick entschlossen, den Zwiespalt dadurch zu lösen, daß er den Tod suchte, den zu finden sein Beruf ihm so leicht machte. Mit dem Scharfblick des liebenden Weibes las Edith in seiner Seele wie in einem offenen Buche. Und sie kannte ihn so gut, daß sie sich keinen Augenblick der Illusion hingab, durch Bitten oder durch Tränen seinen Sinn zu ändern. Sie wußte, daß dieser Mann im stande war, alles für sie zu opfern — nur nicht seine Ehre. Und nie war ihre Seele mehr erfüllt gewesen von demütiger Bewunderung, als in dem Augenblick, da die Erkenntnis, ihn für immer verloren zu haben, einen dunklen Schleier über all ihre sonnigen Zukunftshoffnungen breitete.
Sie sprach kein Wort. Und nun, da ihr Schweigen ihn veranlaßte, ihr sein Gesicht wieder zuzuwenden, sah sie den Ausdruck namenloser Qual in seinen sonst so beherrschten Zügen. Da erwuchs auch in ihr die Kraft des großen, befreienden, opfermutigen Entschlusses. Und aus den Niederungen egoistischer Leidenschaft erhob sich ihre Seele zu der Höhe selbstlosen Entsagens. Nie aber war es ihre Art gewesen, nur halb zu tun, was zu vollbringen sie sich einmal vorgenommen hatte. Was hier geschehen mußte, durfte nicht feige hinausgezögert werden, und kein weichmütiger Abschied durfte Heideck erraten lassen, daß ein Erkennen seiner Absichten ihre Handlungsweise bestimmt hatte.
Mit jener heroischen Selbstüberwindung, deren in solcher Lage vielleicht nur ein Weib fähig ist, zwang sie sich zu äußerer Gelassenheit und Ruhe.