„Dann hege ich keine Besorgnisse mehr wegen unserer Zukunft, mein Freund,“ sagte sie mit einem schmerzlichen Lächeln nach langem Schweigen. „Und ich will dich jetzt nicht länger zurückhalten; denn ich weiß ja, daß deine soldatischen Pflichten dir über alles andere gehen müssen. Ich bin glücklich, daß es mir vergönnt war, dich wiederzusehen. Um der Erfüllung deiner Pflicht in dieser ernsten, kriegerischen Zeit nicht hinderlich im Wege zustehen, gebe ich dich frei. Vielleicht führt deine Liebe dich einst freiwillig zu mir zurück. Doch nun lebe wohl.“

Ihr plötzlicher Entschluß und die Ruhe, mit der sie sich in die abermalige Trennung fügte, mußten ihm nach dem Vorhergegangenen fast unbegreiflich erscheinen. Aber ihr schönes Gesicht verriet so wenig von der verzweifelten Hoffnungslosigkeit ihres Herzens, daß er nach kurzer Ungewißheit auch diese seltsame Wandlung hinnahm, wie so viele andere Ueberraschungen, die ihre rätselhafte Natur ihm schon bereitet hatte.

Sie hatte mit so ruhiger Festigkeit gesprochen, daß er ihren Entschluß unmöglich länger für die Eingebung einer trotzigen oder zornigen Laune halten konnte.

„Um Gottes willen! Was hast du vor, Edith?“

„Ich werde eine Gelegenheit suchen, morgen nach Dover zurückzukehren. Hier würde ich dir doch nur im Wege sein.“

„Wir würden uns dann also vor deiner Abreise nicht mehr sehen?“

„Du selbst, mein Freund, sagtest ja, daß wenig Aussicht darauf vorhanden wäre.“

„Ich bin nicht Herr über mich selbst — und diese Nachricht —“

„Es bedarf keiner Entschuldigung, und die Rücksicht auf mich soll dich nicht in der Ausübung deiner dienstlichen Pflichten behindern. Noch einmal denn: Lebe wohl, mein Teurer, mein geliebter Freund! Der Himmel schütze dich!“

Sie warf sich an seine Brust und küßte ihn; doch nur für wenige Sekunden umschlang ihr weicher Arm seinen Nacken. Sie wollte nicht schwach werden, und doch fühlte sie, daß sie nicht lange mehr die Kraft haben würde, sich zu beherrschen. Hastig raffte sie ihren Wachstuchmantel vom Boden auf und griff nach dem Schifferhute. Wohl hatte Heideck das heiße Verlangen, ihr noch etwas Liebes und Zärtliches zu sagen, aber es war, als ob ihm von einer unsichtbaren Faust die Kehle zusammengepreßt würde, und er brachte nichts anderes über die Lippen, als ein merkwürdig trocken klingendes: