Die beiden Leute des Schiffers, die unten im Kutter schon im tiefsten Schlafe gelegen hatten, mochten nicht wenig erstaunt und sicherlich noch weniger erfreut sein über die Zumutung dieser nächtlichen Fahrt. Aber ein paar Worte, die der Schiffer in seiner für Edith unverständlichen Sprache zu ihnen gesprochen, hatten ihre Unzufriedenheit sehr schnell verscheucht. Willig griffen sie jetzt zu, um die Segel zu setzen und Anker zu lichten. Die mächtigen Fäuste des Schiffers erfaßten das Steuer; das kleine, fest gebaute Fahrzeug machte eine kurze Drehung und schoß dann, weit nach einer Seite überliegend, in die Dunkelheit hinaus.
Nahe genug kam es an der ‚Gefion‘ vorüber, und wenn es zufällig von dem Lichtkegel des Scheinwerfers getroffen worden wäre, der von Zeit zu Zeit suchend über die bewegte Wasserfläche hinhuschte, so hätte die nächtliche Fahrt jedenfalls eine sehr unliebsame Unterbrechung erfahren. Aber der Zufall war dem tollkühnen Unternehmen günstig. Kein Zuruf oder Signal von Bord des Wachtschiffes hielt sie auf, und bald waren die Lichter von Vlissingen im Dunkel verschwunden.
Edith hatte seit der Abfahrt am Mast des Fahrzeuges gestanden, den Blick unverwandt rückwärts gewendet — dahin, wo sie alles ließ, was ihrem Leben bis zu dieser Stunde Wert und Inhalt gegeben hatte. Der Schiffer und seine beiden Leute, die bei dem ungleichmäßigen Winde genug mit ihren Segeln zu tun hatten, schienen sich nicht um sie zu kümmern, und erst als plötzlich eine heftige Regenbö einsetzte, rief ihr van dem Bosch zu, ob sie nicht lieber hinunter gehen wolle, wo sie doch wenigstens gegen Wind und Wetter geschützt sei.
Aber Edith rührte sich nicht von der Stelle. Für ihre von allen Qualen einer grenzenlosen Verzweiflung durchwühlte Seele waren das Toben des Sturmes, das Klatschen des niederprasselnden Regens und das zischende Aufspritzen der an den Planken des Bootes zerschellenden Wellen gerade die rechte Musik. Der nächtliche Aufruhr um sie her stimmte so ganz zu dem Aufruhr in ihrem Innern, daß sie ihn fast wie eine Befreiung empfand. Die Kerkerenge einer niedrigen Kajüte wäre ihr jetzt unerträglich gewesen. Nur daß sie die von dem Salzduft des nahen Meeres geschwängerte Luft in vollen Zügen atmen, daß sie ihr Gesicht dem Sturm, dem Regen und dem Wogengischt preisgeben konnte, hielt ihre Kraft aufrecht. Es war wie ein physischer Kampf, den sie gegen die brutalen Gewalten der Natur zu bestehen hatte, und seine nervenaufstachelnde Wirkung half ihr wohltätig über den Jammer ihrer zerrissenen Seele hinweg.
Sie hatte keinen Maßstab für Zeit und Raum. Nur an dem orkanartigen Anschwellen des Sturmes, an dem immer wuchtiger werdenden Anprall der Wellen und dem wilderen Tanz des Bootes nahm sie wahr, daß es das offene Meer sein mußte, auf dem sie sich befand. Sie war trotz des Wachstuchmantels völlig durchnäßt, und ein Kältegefühl, das von den Füßen herauf allmählich ihren ganzen Körper erfaßte, ließ ihre Glieder erstarren. Aber sie kam trotz alledem nicht einen Augenblick in Versuchung, sich nach unten in den Kielraum zurückzuziehen. Und der Gedanke an eine Gefahr blieb ihr fern. Sie hörte die Matrosen fluchen, und zweimal schlug ein Zuruf des Schiffers an ihr Ohr, der irgend eine gebieterische Aufforderung zu enthalten schien. Aber um das alles kümmerte sie sich nicht. Wie wenn sie bereits von allem Irdischen losgelöst wäre, verhielt sie sich vollständig gleichgültig gegen das, was um sie her geschah. Je unempfindlicher ihr von der durchdringenden feuchten Kälte gelähmter Körper wurde, desto unbestimmter, traumhafter wurden alle auf sie einwirkenden Sinneseindrücke. Es war ihr, als hätte sie jeden festen Boden unter den Füßen verloren, als flöge sie auf Sturmesschwingen, frei von allen Hemmungen körperlicher Schwere, durch den unbegrenzten Raum. Und all das Brausen, Heulen, Prasseln und Plätschern der entfesselten Elemente floß ihr in ein eintöniges, majestätisches Rauschen zusammen, das nichts Erschreckendes, sondern nur noch etwas wundersam Beruhigendes für sie hatte. Ihren langsam entschwindenden Sinnen wurde der Aufruhr zur erhabenen Harmonie, und so ganz fühlte sie sich eins mit der großen, allgewaltigen Natur, daß das letzte Gefühl, dessen sie sich bewußt wurde, ein heißes, inbrünstiges Sehnen war, in dieser großen Natur aufzugehen, wie eine der ungezählten Wogen, deren Schaum im Vergehen ihre Füße netzte.
Ein Knall, der scharf wie ein Schuß das Chaos von Geräuschen übertönte — ein lautes Knattern — und ein paar wilde Flüche aus rauhen Seemannskehlen! Wie ein Korkstückchen tanzte und schwankte plötzlich das Boot auf den Wellen, während das große Segel im Sturm flatterte, als ob es in der nächsten Sekunde zu tausend Fetzen zerrissen werden müßte.
Das Pikfall war gebrochen, und die ihres Haltes beraubte Gaffel schlug mit furchtbarer Gewalt nach unten. Mit der ganzen Kraft seiner riesenstarken Arme legte sich der Schiffer in das Steuer, um das Fahrzeug an den Wind zu bringen. Die beiden anderen Männer aber arbeiteten wie Verzweifelte, um das Segel festzumachen.
An die verkleidete Frau im Wachstuchmantel, die so lange regungslos wie eine Statue am Mast gestanden, dachte in diesen Augenblicken höchster Gefahr keiner von den dreien. Erst als das schwierige Werk glücklich vollbracht war, bemerkten sie ihr Verschwinden. Mit verstörten Gesichtern sahen sie sich an. Und der Schiffer am Steuer sagte:
„Sie ist über Bord gegangen. Die Gaffel hat sie wohl an den Kopf getroffen. Da ist nichts mehr zu machen. Warum wollte sie auch an Deck bleiben!“