Das Geschwader fuhr nun mit Volldampf Nordwest. Die Torpedodivision ‚D 5‘ ging zur Aufklärung voraus, und diesen kleinen, schnellen Fahrzeugen folgten die Kreuzer ‚Prinzeß Wilhelm‘ und ‚Irene‘, die wegen ihrer hohen Takelage zu Aufklärungsschiffen besonders geeignet waren und die die erforderlichen Einrichtungen für drahtlose Telegraphie an Bord hatten. Die übrige Flotte, die ihre Fahrgeschwindigkeit nach der des ‚König Wilhelm‘ richten mußte, folgte in den vorgeschriebenen Abständen.
Als die roten Felsen Helgolands scharf umrissen aus dem Meere auftauchten, kam der deutsche Kreuzer ‚Seeadler‘ von der Insel her dem Geschwader entgegen und meldete, daß die Küstenpanzerschiffe ‚Aegir‘ und ‚Odin‘, die Kreuzer ‚Hansa‘, ‚Vineta‘, ‚Freya‘ und ‚Hertha‘, sowie die Torpedoboote in der Nacht von Wilhelmshaven ausgefahren waren und nichts vom Feinde gesehen hatten. Das Meer schien frei. Alle verfügbaren englischen Kriegsschiffe des Nordseegeschwaders waren zum Angriff auf Antwerpen herangezogen worden.
Die Flotte von Wilhelmshaven blieb nun, weil eine Verstärkung der Transportflotte nicht nötig schien, bei Helgoland liegen. Die Transportflotte mit den begleitenden Kriegsschiffen aber setzte ihre Fahrt mit West-Nordwest-Kurs fort.
Wohin aber ging diese Fahrt?
Wenige nur waren unter diesen vielen Tausenden, die darauf hätten Antwort geben können, und diese Wenigen schwiegen. Der rote Felsen von Helgoland war längst in der Ferne verschwunden, und Stunde auf Stunde verrann, ohne daß sich den Blicken der gespannt ausschauenden Krieger etwas anderes gezeigt hätte als das unendliche, leicht bewegte Meer und das kristallklare blaue Himmelsgewölbe, das es gleich einer Riesenglocke überspannte. Die Nacht sank hernieder und der junge Tag brach an, aber noch immer war nichts von einer Küste zu sehen, und immer häufiger wurde unter den Offizieren und Mannschaften die Frage wiederholt:
„Wohin geht die Fahrt?“
Das Gestade Englands konnte ihr Ziel nicht sein, denn man würde es inzwischen längst erreicht haben. Wo aber sollte die Landung vor sich gehen, wenn nicht dort? Welchem fernen Ufer führte man die deutsche Armee entgegen, die größte, deren Schicksal jemals den trügerischen Fluten des Meeres anvertraut war?
Als bei Tagesanbruch von den aufklärenden Schiffen wieder einmal die Meldung kam, daß von feindlichen Schiffen nichts zu sehen sei, konnte der Oberbefehlshaber der Landarmee nicht umhin, dem Admiral gegenüber seiner Verwunderung Ausdruck zu geben, daß die Engländer den Aufklärungsdienst in der Nordsee scheinbar so ganz außer Acht ließen, und daß auch Handelsschiffe nicht zu Gesicht kämen.
„Die Erklärung für diese anscheinend befremdliche Tatsache liegt nicht allzu fern, Exzellenz,“ erwiderte der Admiral. „Kauffahrteischiffe werden uns schwerlich in Sicht kommen, weil jetzt, bei der Unsicherheit der Meere, der Seehandel fast gänzlich stockt. Einer Fischerflottille sind wir nicht begegnet, weil dieser Teil der Nordsee keine Fischgründe hat. Feindliche Schiffe aber sehen wir nicht, weil die Engländer wohl mit jeder andern Möglichkeit eher gerechnet haben mögen, als damit, daß wir hier oben in Schottland eine Landung versuchen könnten.“