„Ihre Erklärung, Herr Admiral, leuchtet mir ein, aber trotzdem will es mir scheinen, daß unsere Gegner es bei ihrem Beobachtungsdienst an der nötigen Umsicht fehlen lassen.“
„Exzellenz dürfen nicht ohne weiteres einen Vergleich zwischen den Operationen zu Lande und denen auf dem Wasser ziehen. Die Voraussetzungen sind hier doch wesentlich andere. Ich zweifle keinen Augenblick, daß eine genügende Anzahl englischer Aufklärungsschiffe in der Nordsee kreuzt; und wenn wir ihrer Aufmerksamkeit wirklich entgangen sind, so ist uns das Kriegsglück eben günstig gewesen. Wenn ich Eurer Exzellenz sage, daß selbst bei unsern Manövern in der Ostsee, wo wir doch das Fahrwasser ebenso genau kennen wie die Stärke und Geschwindigkeit des markierten Feindes, diesem der Durchbruch zuweilen gelungen ist, ohne daß unsere Aufklärungsschiffe ihn gesehen haben, so werden Sie zu einer milderen Beurteilung der hier scheinbar vorliegenden englischen Unvorsichtigkeit gelangen.“ —
Endlich, am Abend des 16. Juli, wurde vom ‚König Wilhelm‘ Land gemeldet. Das Ziel der Fahrt zeigte sich den Blicken, und von Mund zu Munde ging die Kunde, daß es die Küste von Schottland sei, die sich da aus den Fluten hob.
„Wir werden in die Mündung des Firth of Forth einlaufen!“ hieß es auf allen Schiffen; und auch die braven Soldaten, die diesen Namen vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben hörten, wiederholten das Wort mit so wichtiger Miene, wie wenn ihnen nun mit einem Male alle Geheimnisse der obersten Heeresleitung offenbar geworden wären.
Im roten Schein der untergehenden Sonne zeichneten sich beide Küsten violett vom tiefblauen Himmel und dem graublauen Meere ab, doch war die nördliche Küste weiter entfernt als die südliche. Von ruhiger See begünstigt, steuerte das Geschwader gut geschlossen in einer Längenausdehnung von etwa fünf Seemeilen in den Firth of Forth hinein.
Erwartungsvoll sah das Landungskorps das große, kühne Unternehmen vor seinen Augen sich entwickeln. Seit 900 Jahren war keine feindliche Armee an Englands Küste gelandet. Wohl hatte Britannien in alten Zeiten gegen eindringende Feinde kämpfen müssen: Julius Cäsar war als Sieger eingezogen, Knut der Große, König von Dänemark, hatte sich das Land unterworfen. Die Angeln und Sachsen waren von Deutschland herübergekommen, um sich zu Herren des Landes zu machen. Harald Schönhaar, der König von Norwegen, war in England gelandet. Aber seit Wilhelm von der Normandie, der die Sachsen bei Hastings schlug und die Herrschaft der Normannen in England aufrichtete, war es auch nicht den mächtigsten Feinden, weder Philipp II. von Spanien, noch dem großen Napoleon gelungen, ihre Truppen auf dem meerumgürteten Boden Englands Fuß fassen zu lassen.
Würde es jetzt einem deutschen Heere gelingen? —
Immer deutlicher traten die Umrisse des Landes hervor, und einige glaubten sogar, das hochgelegene Edinburgh-Castle am Horizont zu erkennen. Bald aber verschleierte sich die Ferne, und die Dämmerung brach langsam herein.
Bis dahin hatte man kein einziges feindliches Schiff zu Gesicht bekommen. Nun aber, als der größere Teil des Geschwaders bereits in die Bucht eingefahren war, fiel das Licht der mit Einbruch der Dunkelheit in Tätigkeit getretenen Scheinwerfer auf zwei englische Kreuzer, deren Anwesenheit von den vorausgeeilten Torpedo-Divisionsbooten bereits gemeldet worden war.
Angesichts der gewaltigen Uebermacht ließen sich diese Kreuzer indessen nicht auf einen Kampf ein, sondern gaben durch Niederholen der Flagge alsbald zu erkennen, daß sie bereit seien, sich zu ergeben. Nun standen einer Landung der deutschen Truppen Hindernisse von der See her nicht mehr entgegen. Die Transportschiffe näherten sich dem südlichen Ufer der Bucht, an welchem Edinburgh und die Hafenstadt Leith liegen und schickten nach dem Ankern beim Scheine der elektrischen Lichter ihre Boote mit Mannschaften an Land. Die Infanterie faßte dort alsbald festen Fuß und besetzte die günstig gelegenen Punkte, um einem etwa noch erfolgenden Angriff zu begegnen. Aber es geschah nichts, was die Landung hätte hindern können. Die schottische Bevölkerung verhielt sich vollkommen ruhig, so daß sich die Ausschiffung des Landungskorps ohne Störung vollzog.